Schleifmühlgasse 18 - 1040 Wien
+43-1-9207778 - info@galerie-stock.net

.

Günther Dankl | Sabine Groschup - The Hidden

Sabine Groschup ist eine äußerst vielseitige Künstlerin. Sie ist in den Bereichen Film und bildende Kunst ebenso beheimatet wie in der Literatur. Und – Sabine Groschup ist eine Künstlerin, die es liebt, Geschichten zu erzählen. Dies trifft in erster Linie auf ihr literarisches Schaffen und auf ihre Animationsfilme zu, aber auch auf ihr bildnerisches Schaffen, mit dem die Künstlerin bisher in einer Reihe von Ausstellungsbeteiligungen und einer Einzelausstellung an die Öffentlichkeit getreten ist.

Die künstlerische Vielseitigkeit von Sabine Groschup schlägt sich auch in ihrer Ausstellung „The Hidden" nieder. Aus drei ineinander übergehenden und zueinander in Beziehung stehenden Teilen bestehend, kommt in ihr Groschups Prinzip einer medienübergreifenden Bespielung des Ausstellungsraumes mit einer Videoinstallation, einem Objekt und elf Stickereien über Videostills auf Molino zum Tragen.

Wenngleich auch der Titel der Ausstellung eine Auseinandersetzung mit dem Thema des Versteckten und Verborgenen zulässt, so ist es darüber hinausgehend auch ein gekonntes Spiel mit den Erwartungshaltungen des Betrachters, das uns die Künstlerin in den ausgestellten Werken vor Augen führt bzw. zum Teil zu Gehör bringt. Gleich beim Betreten des Galerieraums wird man mit einer schräg in den Raum gehängten und von der Decke bis zum Boden reichenden und sich ständig in Bewegung befindenden Wand aus Molino konfrontiert. Diese dient als Projektionsfläche für ein Video, in dem offensichtlich eine Fahrt durch ein hohes Lager oder Depot gezeigt wird, in dem sich hinter Stoff verhüllte Objekte befinden. Ab und zu sind Teile der eingelagerten Objekte zu sehen, blitzen kurz auf, um dann wieder hinter dem Stoff zu verschwinden. Zu kurz, um wirklich zu erkennen, um welche Objekte und Gegenstände es sich handelt. Ähnlich verhält es sich mit dem Raum, der nie in seiner gesamten Dimension erfasst, sondern gleichsam aus der Perspektive der in Stoff gehüllten Gegenstände gezeigt wird. Als außenstehender Betrachter möchte man wissen, was sich hinter den Stoffskulpturen verbirgt, zugleich befindet man sich jedoch selbst in der Lage eines inneren Betrachters, der gleichsam durch den Stoff hindurch nach außen blickt. Inneres und Äußeres, Verhülltes und Gezeigtes, klar Sichtbares und nur schemenhaft Erkennbares lösen einander ab und bilden zugleich eine Einheit, unterstrichen durch den Ton der Kamerafahrt und das Geräusch des hinter der Leinwand angebrachten Ventilators, der diese in Bewegung versetzt und somit ebenfalls wiederum für Bruchteile Einblicke in den Raum hinter der Leinwand bietet. Der solchermaßen gleichsam voyeuristische Blick des Betrachters hinter den Vorhang wird dabei bewusst thematisiert.

In „When Molino Catches the Wind", so der Titel dieser Arbeit, spielt die Künstlerin, die bei Wilhelm Holzbauer Architektur und von 1978 bis 1988 bei Maria Lassnig Malerei und Film studiert hat, mit filmgeschichtlichen Kontexten, aber auch mit rein formalen und räumlichen Gegebenheiten. Sie nimmt Anlehnungen an Thriller oder Horrorfilme, in denen verhüllte Möbel und sich bewegende Stoffe eine Spannung ebenso aufbauen wie eine scheinbar unendlich lang andauernde Kamerafahrt durch einen Korridor. Zugleich sind es aber auch aus Licht und Schatten generierte Räume und Bilder, die die Künstlerin mit der Kamera gestaltet, die den durch die Kamerafahrt erzeugten Suspense in ein formal-visuelles Erlebnis überführen.
Das in „When Molino Catches the Wind" betriebene Spiel mit den Erwartungshaltungen des Betrachters findet seine Fortsetzung in der Serie „The Hidden # 1-11", in der die Künstlerin auf gebrauchter und gewaschener Molinoleinwand Videostills aus der zentralen Arbeit mit Stickereien von unterschiedlichen Motoren oder Zündkerzen und anderen technischen Teilen in Beziehung bringt. Bringt man den Motor üblicherweise mit Dynamik und Geschwindigkeit, aber auch mit Öl, Schmutz und Verunreinigung in Verbindung, so kehrt die Technik des Stickens diese Assoziationen in ihr Gegenteil: Sticken lässt an Beschaulichkeit, Bürgerlichkeit, Sauberkeit und Zufriedenheit denken. In minutiöser Kleinarbeit Stich für Stich auf die Molinoleinwand aufgebracht, widerspricht die Technik damit dem autonomen Gestus des Künstlertums und bringt augenzwinkernd eine Portion Humor und Poesie in die Arbeit von Sabine Groschup. Kleinen Kostbarkeiten gleich liegen die gestickten Motoren auf dem bedruckten Molino und lenken somit den Blick des Betrachters auch auf das Dahinterliegende und Verborgene.

Mit einer weiteren Arbeit, der Mixed Media-Installation „Komischer Vogel im Käfig sing", wird der Betrachter in den beiden, auf den Gehsteig hin führenden und durch die Eingangstür voneinander getrennten Fenstern der Galerie konfrontiert. In einem der Fenster positioniert ist ein alter Vogelkäfig, in dem sich ein kleines, handgenähtes Kissen mit einer aufgestickten Lautsprecherbox der Marke Technics befindet. Im Bereich des Lautsprecherausgangs versteckt eingearbeitet ist eine kleine Überwachungskamera, die jeden den Käfig betrachtenden Passanten aufnimmt. Das Bild des gleichsam „hinter Gittern" sich befindenden Betrachters wird auf einen im zweiten Fenster aufgestellten Monitor übertragen, kann jedoch in dieser Art und Weise dort vom Betrachter selbst nie gesehen werden. Die Arbeit stellt damit eine Verknüpfung zum modernen Überwachungsstaat her. Zugleich ist sie aber auch eine Reminiszenz an die bekannte Installation „Cage in Cage" von Nam June Paik, die dieser in den 1990er Jahren in mehreren Versionen als Hommage an John Cage ausgeführt hat und bei dem die Künstlerin 1984 an der Düsseldorfer Kunstakademie ein Gaststudium absolviert hat.
„The Hidden", Sabine Groschups zweite Einzelausstellung in der Galerie Michaela Stock, erweist sich in ihrer Zusammenschau als äußerst stringent und geschlossen. Thema ist das Verborgene, das Versteckte, aber auch Unerwartete. Und dies trifft sowohl auf ihre Arbeiten als auch in gleichem Maße auf den Betrachter zu. Mit den auf mehreren Ebenen sich bewegenden und sich zusammenfügenden Werken versteht es die Künstlerin nicht nur auf inhaltlicher Ebene das lediglich Vermut- und Erahnbare erfahrbar zu machen, sondern auch den Betrachter in dieses Spannungsfeld des Unvermittelten und Nicht-Erwarteten mit einzubeziehen.

Go to top