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Nina Schedlmayer | Patrick Baumüller: Images trouvées

„Während eines Auslandsaufenthaltes kaufte ich mir eine billige automatische Kamera, und da der Gegenstand schon da war, schoß ich ein paar Filme. Nach einiger Zeit sah ich mir die Fotos an und stellte fest, daß ich mir von der Reise nur die aufgenommenen Szenen gemerkt hatte. Ich versuchte, mich an etwas anderes zu erinnern, aber das Gedächtnis blieb hartnäckig auf die Inhalte der Fotos fixiert." Dubravka Ugrešić , „Das Museum der bedingungslosen Kapitulation"1

Reisende sind Bildersammler. Nicht von ungefähr steigt das Arbeitsvolumen von Fotolabors in den urlaubsintensiven Urlaubsmonaten derart, dass sie häufig Aushilfskräfte beschäftigen müssen. Diese bearbeiten dann Bilder mit immer wiederkehrenden Sujets: Sonnenuntergang am Meer. Mutter, Vater, Kind, wahlweise vor Alpenpanorama, Sandburg, Uffizien. Kroatische Hafenstadt, toskanisches Bergdorf. Seit der Einführung der Digitalkamera ist das Bilderaufkommen noch angestiegen: Nahm man früher vielleicht zwei Filme zu jeweils 36 Fotografien von einer Reise mit, so präsentieren Hobbyfotografen heute hunderte von Bildern ihren mehr oder weniger interessierten Gästen.

Patrick Baumüller steuert mit seinen Polaroids dieser Tendenz entgegen: Wahrer Luxus besteht nicht darin, möglichst viele, sondern möglichst wenige Bilder mit nach Hause zu nehmen. Dass sich Baumüller den üblichen touristischen Blicken nicht vollständig verweigert – ein Foto des idyllischen Dorfes Romano Olivano zeugt etwa davon – macht ihn sympathisch. Bilder dieser Art kombiniert Baumüller jedoch mit solchen, die, trotz der Zufälligkeit von Zeitpunkt und Ort ihrer Aufnahme, bewusst komponiert sind: Da scheinen etwa Gießkannen so im Raum zu schweben, dass man sich an die Fotografien der russischen Konstruktivisten erinnert fühlt. Autoreifen, die aufeinander gestapelt sind, wirken wie Skulpturen. Pflanzen bilden rapportartige Muster. Dabei arrangiert Baumüller diese Bilder nicht – er findet sie wie Objets trouvés vor.

Baumüllers sparsamer Umgang mit dem (nicht ganz so billigen) Medium Polaroid äußert sich auch darin, dass er, wie er sagt, „manche Fotos nicht macht". Wenn etwa ein Schwarzweiß-Film in der Kamera liegt, und ein Bild würde nach Farbe verlangen oder umgekehrt, dann verzichtet er einfach darauf – eine Angewohnheit, die der Digitalknipser schon längst verlernt hat.

Wird die Erinnerung an eine Situation, einen Ort, eine Reise wertvoller oder intensiver, wenn man nur wenige Fotografien davon hat? Ein Spezifikum des Polaroids ist sein weißer Rahmen – und es ist per se ein Unikat. Beides nobilitiert es, nähert es der Malerei an. Wenn Baumüller seine Polaroids mit Fotoecken auf Kartons klebt, dann erinnert er damit an Zeiten, in denen Fotoalben noch nicht aus DINA4-Ausdrucken bestanden. Das mag ein wenig melancholisch erscheinen. Aber es erinnert uns daran, dass in einer allseits beklagten Bilderflut wir selbst die Entscheidung treffen müssen, welche visuellen Eindrücke wir reflektieren.

1 Dubravka Ugrešić, „Das Museum der bedingungslosen Kapitulation", dt. Erstausgabe Suhrkamp, Frankfurt 2000, S. 37.

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