Schleifmühlgasse 18 - 1040 Wien
+43-1-9207778 - info@galerie-stock.net

.

Edith Almhofer | Ohne Marie geht auch hier nichts!

Das wohlwollende Interesse am Alltäglichen, der neugierige Blick auf das Getriebe der Welt und die lustvolle Intervention im Hier und Jetzt gelten als Markenzeichen Patrick Baumüllers. 1969 in der Schweiz geboren, absolvierte der seit 1997 in Wien lebende Künstler die Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz und arbeitet seither in so unterschiedlichen Gattungen wie Installation, Performance, Kunst im öffentlichen Raum, Intervention und Fotografie. Bei Michaela Stock präsentiert er derzeit eine Auswahl neuer Werke, die unter dem Titel „Ohne Marie geht auch hier nichts" vertraute Aspekte unserer Lebenswelt thematisieren. Das flapsige Motto - eine beiläufig in einer Fernsehshow aufgeschnappte, gleichermaßen banale wie allgemeingültige Aussage, deren Urheber nicht von ungefähr anonym bleibt - bringt jenen Angelpunkt unserer Gesellschaft ins Spiel, der die Welt im Innersten zusammenhält: Das liebe Geld.

Dem handfest realen letztlich aber doch unfassbaren Wert, den Geld darstellt sowie den vielfältigen Träumen und Sehnsüchten, die mit seinem Besitz verknüpft werden, spürt der Künstler in einer lockeren Inszenierung nach, die aus handverlesenen Versatzstücken des Alltagslebens ein pathosfreies, nichtsdestoweniger aber eindringliches, ja sprechendes Bild arrangiert. Im Zentrum des Ensembles, das ungeniert vertraute Symbole und Metaphern aufmischt, steht ein Stück Dach. Aus dessen Kaminaufsätzen dringen allerdings keine Rauchschwaden, sondern es sind Gesprächsfetzen, Klänge und Geräusche zu vernehmen. Unmittelbar lässt die puristische Konstruktion an die elementare Sehnsucht nach Behaustsein denken: Unter dem Schutz, den die Krone des Hauses bietet, entfaltet sich unser aller privates Leben. Zwar bleiben dessen Wechselfälle im Verborgenen, doch im Flüstern und Wispern, im Lachen und Weinen, das durch den Schutzmantel des Daches nach außen dringt, verdichten sich die flüchtigen Spuren menschlicher Beziehungsgeflechte zum fragilen akustischen Bild, das erst in der Intimität des Galerieraums wahrnehmbar wird.

Nun ist aber der „White Cube" längst nicht mehr der neutrale Ort der Kunstrezeption, welcher er im Übrigen niemals war. Die Sphäre, in der wir uns mit Kunst konfrontieren, wird allenthalben als ambivalenter Kontext verstanden, der von vielfältigen soziologischen, ökonomischen und ästhetischen Faktoren geprägt ist, worauf wiederum die Kunst unserer Zeit ausdrücklich und im gegebenen Fall eben auch mit Augenzwinkern Bezug nimmt. Patrick Baumüller bricht den Bann des poetischen Bildes des zeitlosen und wertfreien Kunstraums, indem er die Wände mit schwarzen Spinnen bevölkert. Die großen Gruseltiere – wer denkt nicht sofort an einschlägige Horrorfilme – sind, wie er sagt „ aus dem Gebälk ans Licht gekommen und lauschen dem Ausstellungsbetrieb". Von einer realen Bedrohung kann indessen selbst für ängstliche Naturen, nicht die Rede sein. Es handelt sich – wieder einmal bedient sich der Künstler eines Zitates - ja bloß um aus Kunststoffhalmen gefügte Artefakte. Doch in der ironischen Anspielung auf die Kultivierung von Horrorvisionen in Literatur und Film blitzen kulturgeschichtliche Aspekte auf, die Widersprüchliches mit den nützlichen Insekten verbinden, die in allen Zeiten und Kulturen als archetypisches Symbol relevant waren. Manche nordamerikanische Völker verehrten die Spinne als Weltenschöpferin. Im Germanischen ist sie die große Weberin, das Sinnbild der Nornen, deren Faden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verknüpft. In der griechischen Mythologie indessen wird die Weberin Arachne, deren Kunstfertigkeit jene der Göttin Athene übertraf, zur Strafe in eine Spinne verwandelt. Im Buddhismus verweist das Tier auf die täuschende Sinnenwelt und auch im Christentum ist sie, als Symbol des Satans, negativ konnotiert.
Unentschieden, was denn nun da an den Wänden krabbelt, sucht der Blick flugs nach Schönerem und bleibt an einem Bild in Fadenspanntechnik hängen. Die Technik ist manchen vielleicht noch aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts vertraut. Damals fand sich wohl in jedem bürgerlichen Haushalt eine dieser Handarbeiten, die meist geometrische Figuren darstellten. Patrick Baumüller hat die in Vergessenheit geratene Fertigkeit wieder entdeckt und damit den Umriss des "Spirit of Ecstasy" nachgebildet. Diese an die Nike von Samothrake gemahnende Figur, von Eingeweihten kurz Emily genannt, ziert seit 1911 als Kühlerfigur den Grill jedes Rolls Royce. Zudem ist die zeitlose Ikone des Luxus um rund 1300 Euro als Kleinskulptur erhältlich und somit begehrtes Sammelobjekt aller wahren Fans von Luxuskarossen. In der hier vorliegenden Interpretation erscheint die Figur auf einen Schattenriss reduziert. Die Sparvariante ist nicht in edler Bronze gegossen sondern umschreibt mit simplem Garn das Objekt des Begehrens, ist ein verkürztes Abbild des Bildes dessen dicht gewebtes Bildmuster spielerisch auf ein Abwesendes verweist. Das Zitat fungiert als Leerstelle und Projektionsfläche geheimer Sehnsüchte nach Luxus, Macht und Reichtum.

Den Kontrapunkt dazu setzt ein kleiner „Gambling Room", welcher einer jener Spielhöllen nachempfunden ist, die sich in jüngster Vergangenheit dutzendweise in unseren Stadträumen breit gemacht haben. Hinter einer Glastür eröffnet sich im Schein eines blinkenden Automaten ein winziger Spielraum. Es ist ein karger Ort, unwirtlich, düster, nur von einem Neonlichtobjekt erhellt. Eine Isolationszelle, in der in einer Endlosschleife spielend dem Traum vom großen Glück gefrönt werden kann, während vor der Tür das Leben vorbeizieht. Dieses Gefangensein in monotoner Zwanghaftigkeit – eine Erfahrung, die wohl nicht nur Spielsüchtigen vorbehalten ist – wird schlussendlich mit einer Replik auf Marie-Antoinette auf die Spitze getrieben. Das ambivalente Luxusgeschöpf wird mit dem legendären Ausspruch „Ich habe Angst, mich zu langweilen" ins Bild gerückt. Aus der Kombination des Zitates mit der fotografischen Nahaufnahme eines dornenbewehrten Kaktus entsteht eine Allegorie, welche die Urangst der modernen Spaßgesellschaft auf den Punkt bringt.

Zumindest vor dieser Gefahr ist Patrick Baumüller allerdings gefeit. Er scheint, was seine Themen anlangt, in ständiger Bewegung begriffen. Auch was Umsetzungsmethoden und Gestaltungstechniken betrifft, sucht er stets neue Wege und nimmt ungeniert Anleihen bei so bodenständigen Verfahren wie Heimwerken, Bastelei oder Handarbeit. So einfallsreich wie sein Umgang mit den Medien, so flexibel ist seine künstlerische Handschrift, denn auch stilistisch lassen sich seine Schöpfungen nicht auf ein Schema fixieren. Sein Sehen jedoch macht aus Nichtigem Wunderwerke. Die stille Poesie der Installationen liegt wesentlich in ihrem weltoffenen Zugang begründet, der sich der Vielfalt der Erscheinungen unparteiisch und ohne jedes Pathos, nie aber unkritisch nähert. Nachdrücklich führt er uns vor Augen, dass wir in einer Welt leben, die von den Auswirkungen der Globalisierung geprägt ist und die uns mit den undurchschaubaren Verquickungen politischer, sozialer, ökonomischer, ökologischer sowie sonstiger Phänomene immer wieder auf die Komplexität unseres eigenen Handelns hinweist. In diesem Szenario erscheint es einerseits kaum möglich zu entscheiden, was nun vorrangig wichtig ist. Andererseits bedürfen wir aber individueller wie kollektiver Methoden der Entscheidungsfindung und Selbstermächtigung, die uns ein gewisses Maß autonomen, selbstbestimmten Denkens und Handelns zurückgeben. Das wiederum setzt Umsicht und Aufmerksamkeit voraus, Aspekte, die in Patrick Baumüllers Werk eine zentrale Rolle spielen. Wer bereit ist, sich auf seine Bildgedanken einzulassen, steht damit unvermittelt selbst vor der Entscheidung, ob diese die persönliche Wahrnehmung erweitern oder ob der Blick in den Spiegel der Kunst blind bleibt.

Go to top