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Lucas Gehrmann | Wege zum Glück. Anmerkungen zu Patrick Baumüllers bildlichen Strickwerken um und ohne „Marie"

„KAUFEN!", appellierte ein kleiner Lautsprecher (im Jahr 2005) lautlos, doch per umso größerer Sprechblase an das Publikum des Kaufhauses OSEI am Wiener Brunnenmarkt. Indes, es war zu spät: Die Regale waren geräumt und abgebaut, dem nachkriegszeitlich errichteten Warenhaus mit seinem Ostblockcharme saß die Spitzhacke schon tief im morschen Betonskelett. Die letzten Kunden, die hierher kamen, gehörten zwar einer für das Haus neuartigen Zielgruppe an – dem Kunstpublikum, seit nämlich der Besitzer das nostalgisch patinierte Ambiente für künstlerische Interventionen freigegeben hatte –, doch konnten Angebote wie Patrick Baumüllers In-situ-Wandbild schwerlich zu Umsatzsteigerungen führen. Denn statt etwa Hämmer und Meißel bereitzustellen, um sich (gegen ein Entgelt) ein Stück OSEI-Mauer herausschlagen und der eigenen Kunstsammlung einverleiben zu können, errichtete der Künstler vor seinem Werk aus einstigen Regalgerüst-Rohren eine Absperrung. Womit die Uneinlösbarkeit seines deutlich demonstrierten Appells zweifach erkenntlich wurde.

Dass aber weiterhin (wenn auch woanders inzwischen) gekauft werden muss, um das Leben lebenswert zu machen, steht in unserem System der „Econociety"1 außer jeder Frage. Deshalb lautet der Titel der jüngsten Installation Baumüllers in Michaela Stocks Galerie in der kunstbetriebsamen Wiener Schleifmühlgasse konsequenterweise: „Ohne Marie geht auch hier nichts!" Denn die „Marie" – das wissen jedenfalls wir (katholischen) Zentral- und OstösterreicherInnen – ist das liebe Geld.
Doch der Künstler erschwert uns schon wieder den Griff in unsere mittlerweile weltwirtschaftskrisen-geschüttelte Brieftasche, deren inflationsträchtiger Inhalt jedenfalls besser gegen (noch) wohlfeile Kunst zu tauschen wäre denn gegen spekulationsverdächtige Anlagen aller Art: Betreten wir den Galerieraum, attraktiert uns möglicherweise zuerst eine in der Blickachse positionierte getönte Glastür samt Aufschriften wie: „Zutritt unter 18 Jahren verboten", „Videoüberwachung" und „ziehen". Vor der Tür angelangt, erahnen wir einen dahinter liegenden Gambling Room mit rechtsseitig installiertem Spielautomaten, wo wir also, hier legitimiert als kunstsinnige GaleriebesucherInnen und somit jeden Verdachtes der Zugehörigkeit einer spieltriebgelenkten Looser-Society enthoben, endlich auch einmal unser kleines Glück versuchen dürften – gäbe es da nur einen Türgriff, der uns, daran „ziehen" könnend, den Eintritt in diese kleine Spielhölle gestattete. Aber leider, ein solcher fehlt: wir müssen draußen bleiben. Zurückgeworfen auf unsere Position als (Kunst-)BetrachterIn besinnen wir uns nolens volens auf diese – und werden mittels genaueren Blicks durch die verschlossene Scheibe tatsächlich mit einem Goodie belohnt: Ein in neonschriftzugartiger Manier gebogener Delphin schimmert vom Boden der Kammer durchs getönte Glas.
Was aber mag dieses allseits beliebte Tier mit dem profanen Glücksspiel zu tun haben? Strapazieren wir unsere Bildarchive im Hirn, kommt uns vielleicht eine griechisch-syrakusische Münze in den Sinn, auf deren Revers drei Delphine einen Reigen bilden. Und von dort ist es nicht mehr weit zur Assoziation zu Delphi, dem griechischen Sitz des Orakels. Orakel und (Glücks-)Verheißung erweisen sich dann rasch als kompatibel – aber es geht auch einfacher: Wer 2007 Patrick Baumüllers Beitrag zur niederösterreichischen „Landpartie 2", einem Kunstprojekt im (öffentlichen) Landschaftsraum, gesehen hat, ist dem Motiv bereits begegnet. „Orakel von&mit Delphin" bestand aus einem aufblasbaren rosaroten Schwimmtier ebendieser Gattung, welches, an drei in der Erde verankerten Angeln hängend, kopfhoch über dem Boden schwebte – und sich bei Wind in diesem drehte und bewegte. Auch wenn hier (wie auch in der gegenständlichen Ausstellung) einige formale bzw. inszenatorische Unterschiede zum originalen Orakel bestehen, sind manche Parallelen zu beobachten: Im alten Delphi war es eine zur „Pythia" gewählte Bürgerin der Stadt, welche prophezeien durfte. „Sie saß während ihrer Weissagungen im Adyton des Apollo-Tempels auf einem Dreifuß. Während der Sitzung wurde Weihrauch verbrannt. Die Pythia kaute Lorbeerblätter und versetzte sich in Trance. Sie saß hinter einem Vorhang und verkündete ihre Eingebungen. Durch den Rauschzustand konnten die Worte unverständlich sein, und es oblag den Priestern, die Weissagung zu übersetzen." Vorhang hier, Glastür da. BetrachterIn hier, InterpretIn da. Und was überdies von Belang ist in diesem Zusammenhang: „Die (delphischen) Priester bauten in den Jahrhunderten ein engmaschiges Informantennetz in der damals bekannten Welt auf. Dadurch erwarben sie bemerkenswerte Kenntnisse über die politische Lage nicht nur in Griechenland. So informiert konnten die Priester die Sprüche entsprechend formulieren. Die Auslegung der Weissagungen überließen die Priester aber dem Ratsuchenden."2 Die seither verstrichenen zweieinhalb Jahrtausende haben diesbezüglich nicht viel verändert: Geschätztes Kunstpublikum, vertrauen Sie der durch internationales Art-Networking gesicherten Kompetenz Ihrer Galerie sowie deren Kurator- und KünstlerInnen, und entscheiden Sie zugleich ganz nach Ihrem persönlichen Geschmack!
Im Übrigen ging es auch damals schon um die „Marie": wer das Orakel befragen wollte, musste in die Tasche greifen – und zog ja vielleicht eine Tetradrachme mit drei Delfinen heraus ...

Zurück also zur Marie und Patrick Baumüllers Irritationen: Vor verschlossener Gambling-Room-Tür nach rechts blickend sehen wir eine vor moosgrün gestrichener Wand hängende großformatige Fotoarbeit mit Kakteen und der Inschrift: „Ich habe Angst, mich zu langweilen". Diese Aussage – wer in der Schule aufgepasst hat, erinnert sich – stammt von Marie Antoinette, oder richtiger: von Stefan Zweig aus dessen Roman über diese jüngste Tochter Maria Theresias,3 deren angeblich gesellschaftspolitisch inaktiv und unterhaltungspolitisch hyperaktiv geführtes Leben am Schafott der Sansculottes ein bitteres Ende fand. Geht es in der Ausstellung etwa um diese Marie? Also um Marie Antoinette als historische „Protagonistin" jener seit der „I can't get no satisfaction"-Generation aus dem Nährboden der Erlebnis- und Unterhaltungsindustrien zusehends aufgepoppten Masse gleichermaßen wertedestabilisierter wie einkommensstabiler und insgesamt egomanischer Sensations-, Konsumations- und Lifestyle-Lüstlinge? Mit dem Fingerzeig womöglich auf den potenziell bösen Ausgang solch oberflächlichen Treibens? Etwa so, wie er jetzt eingetreten ist, nachdem „Werte" ohne reale Gegenwerte zu Höchstpreisen verhandelt wurden? Dazu ist zunächst anzumerken, dass der Künstler sein Ausstellungskonzept samt -titel vor der medialen Deklaration der Weltfinanzkrise im Spätherbst 2008 entwickelt und ausgearbeitet hat. Da er sich schon länger als so manche Ökonomen und Analysten mit dem Phänomen der In-Stabilität von Werten beschäftigt, mag seine „visionäre" Sicht auf die aktuelle Lage nicht überraschen.
Wer sich etwa vom Foyer der Österreichischen Nationalbank in Wien aus auf eine höhere Ebene begeben möchte, ist angehalten, sich eines Geländers zu bedienen, dessen Handlauf sich allerdings aufgrund seiner scharfkantig gezackten Beschaffenheit als höchst unkommod erweist: Patrick Baumüller hat ihn aus geschredderten Banknoten gefertigt und ihm die Gestalt der Index-Kurve des Dow Jones vom Black Tuesday des Jahres 1929 gegeben. Eine Art „memento mori" also für Banker und Börsianer aller Art, errichtet 2005, mit dem Titel „Fix is nix". Zwar sprach man damals bereits vom Ende der „Spaßgesellschaft"4, an einen bevorstehenden ebenso abgründigen Black (Fri)day wollte allerdings kaum jemand glauben. Dabei haben sich noch andere Künstler im Vorfeld der neuen Krise mit der Thematik des Kapital-(und Kunst-)Markts auseinandergesetzt, am exzessivsten zweifelsfrei Damian Hirst, wie dies vor Kurzem Richard Kriesche darlegte: Hirst hat „im kleinen Feld der Kunst den globalen krisenhaften Zuschnitt des Kapitalsystems schonungslos decouvriert und gleichzeitig das Kunstsystem nach allen Regeln des Kapitals ausgebeutet. [...] Ganz im Sinne der Quantifizierung schuf er das teuerste Kunstwerk eines lebenden Künstlers um kolportierte 75 Millionen Euro."5 Kriesche legt weiters dar, welcher Strategien sich Hirst bediente, um einen solchen Preis für ein Kunstwerk, dessen Realwert (= der Wert der verwendeten Materialien) gemeinhin bei null liegt, zu erzielen. Es sind dies kreative Strategien des Bluffs (wenn auch unter Verwendung hoher finanzieller oder materieller „Einsätze") ebenso wie Umgehungen scheinbar festgeschriebener Regeln des Kunstmarkts – kurzum: seine Kunst sind nicht seine Kunstwerke, sondern sie findet sich in der Analyse und Instrumentalisierung der „Absurdität der ökonomischen Wirklichkeit [...] eines ekstatisch außer Kontrolle geratenen Kapitalisierungsmarktes".

Patrick Baumüller bedient sich weniger des Kapitals, um die Relativität von Werten transparent zu machen, sondern (sehen wir einmal vom „einstigen" Wert der geschredderten Banknoten ab, die realiter auch nurmehr „Papierwert" haben) im Gegenteil zumeist einfacher Materialien und Mittel, die in direkter Nähe zu den realen Dingen des Alltags stehen. In diesem Sinne bezeichnet er sich selbst als „praktisch veranlagter Avantgardist" –, zu dessen Praxis nicht zuletzt das Knüpfen und Auswerfen unsichtbarer Netze zählt. So „povero" ein Baumüllersches Objekt zunächst erscheinen mag, so komplex erweist es sich beim Abklopfen seiner „poietischen" Dimensionen. Dann mögen sich uns Verknüpfungen mit realen und irrealen, erfahrenen und imaginierten Dingen und Zusammenhängen erschließen, und zweifelsohne sind wir eingeladen, gedanklich weitere Netze zu spannen. In der Ausstellung „Ohne Marie geht auch hier nichts!" übernehmen schwarze Spinnentiere von der Decke des Galerieraumes aus diese Einladung, indem sie selbst noch nichts gesponnen haben und damit insbesondere wohl auch auf das Potenzial der Verknüpfbarkeit aller Exponate hinweisen –, von denen die hier nicht erwähnten im vorliegenden Katalog andernorts abgebildet und erörtert werden.

1 Den Begriff Econociety für die „heute globale, Welt erzeugende Ökonomie und ihre Auswirkungen" führte Gerald Nestler 2007 ein in seiner Publikation „Yx. Fluid Taxonomies. Enlitened Elevation. Voided Dimensions. Human Derivatives. Vibrations in Hyperreal Econociety". Wien, Schlebrügge Editor 2007.
2 „Das Orakel von Delphi. Geschichte und Bedeutung". In: www.meinebibliothek.de/Texte5/html/delphi.html.
3 Stefan Zweig: „Marie Antoinette. Bildnis eines mittleren Charakters". 1. A: Leipzig, Insel-Verlag 1932.
4 Vergl. dazu z.B.: Gerhard Schulze, „Die Erlebnisgesellschaft: Kultursoziologie der Gegenwart". 2. A: Campus Verlag, 2005.
5 Richard Kriesche: „Die Krise des Marktes als Kapital für die Kunst", in: Der Standard, 14./15. Feb. 2009, S. 39.

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