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MARIJA NUJIC | DOPPELTE WAHRNEHMUNG

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters." Demnach ist der Blickpunkt, bzw. die Sichtweise der Wahrnehmung das Ausschlaggebende. Marko Zink bedient sich in seiner Unterwasser Serie schwimmer (2004 - 2012) alltäglicher Konsumgüter verschiedener Epochen, um sie in eine metaphysische Metapher zu verwandeln. Das Resultat seiner Bilder ist auf den Augenblick der Wandlung zurückzuführen. Diesen Augenblick festzuhalten bedeutet die Endlichkeit des Unendlichen einzufangen. Im Fluss der Strömung treibt der Gegenstand, aus seinem alltäglichen Gebrauch gerissen, in einer ungewohnten Verlangsamung dahin. In dieser Zeitlichkeit kommt erst die Schönheit der Objekte zum Tragen. Der Verlust des Statischen, die Schwerelosigkeit des Wassers und die Formwandlung durch die Strömung, bergen ein Spannungsverhältnis. Die Objekte verlieren ihren ursprünglichen Charakter, indem sie eine neue Gestalt für sich einnehmen – eine Form, die auf die Natur, die Welt der Flora und Fauna, zurückzuführen ist. Dieser evolutionäre Aspekt spielt in Marko Zink´s Œuvre eine wesentliche Rolle, denn das Leben ist im Meer entstanden. Der Mensch repräsentiert dabei lediglich eine kleine Zeitspanne der Evolutionsgeschichte. Das Objekt im Wasser überschneidet zum Zeitpunkt seiner Wandlung diese Zeitlinie und führt in eine ungewisse Zukunft. Wird die Adidas-Hose, welche wie ein Walhai in den Weiten des Meeres dahin schwebt, die Menschheit überdauern? Vielleicht offenbart sich eine mögliche Antwort in der Serie burka (2010). Die rote Burka nimmt unter Wasser die Form der Schnecke Ballerina Española (spanische Tänzerin, lat. hexabranchus sanguineus) ein. Der Name dieser Schneckenform beschreibt einen menschlichen Ausdruck: die rhythmische Wellenbewegung ihres Mantelrandes erinnert an eine spanische Flamenco-Tänzerin. Im nächsten Augenblick formt sich eine Qualle oder vielmehr ein Octopus – die Tierformen scheinen sich plötzlich zu überlappen. Obwohl es lediglich eine Burka ist, nimmt sie verschiedene Gestalten ein. Das intensive Rot verkörpert die Farbe des Blutes, was alle Menschen gemeinsam haben. Im Alten Testament ist der Name des ersten Menschen, Adam, auf die rote Erde zurückzuführen. Die Wörter „Blut" und „Rot" haben etymologisch in der hebräischen Sprache einen gemeinsamen Ursprung. Das Rot bedeutet daher einerseits Leben, andererseits ist die Farbe mit negativen Eigenschaften behaftet, denn schließlich war sie dem griechischen Kriegsgott Ares zugeordnet und steht somit u.a. für Krieg, Zerstörung und Blutvergießen. So wie die Farbe Rot eine doppelte Bedeutung besitzt, ist in Marko Zink´s Œuvre eine doppelte Wahrnehmung vorhanden. 2010, im Entstehungsjahr der Serie burka, waren weder die politische Entwicklung, noch ihre Folgen, wie Destabilisierung des Nahen Ostens, Syrienkrieg, zunehmender Flüchtlingsstrom, Diskussion über Burka-Verbot, etc., ersichtlich. Zwar sind die Arbeiten zu einem Zeitpunkt entstanden, als es diese Deutungsrichtungen noch nicht gab, dennoch nehmen sie Bezug auf die Problematik des aktuellen Zeitgeschehens. „Ich bin der Überzeugung, dass Kunst politisch sein muss", erklärte der Künstler in einem Interview. Die Burka kann daher als ein politisches Symbol betrachtet werden, sie symbolisiert die Flucht aus einem anderen Kontinent, einem anderen Land, einer anderen Kultur und Religion über das Mittelmeer, weg von Krieg, Zerstörung und Blutvergießen. Ihr Rot repräsentiert überdies auch das Leben und den Gedanken daran, dass alle Menschen religionsgeschichtlich von Adam und Eva abstammen oder evolutionsbedingt einst Fische waren. Obwohl also die Intention zu Beginn der Serie eine gänzlich andere war, bekommt sie nun einen neuen Deutungscharakter. Die zeitgenössische Entwicklung lässt diese Interpretationsrichtung zu. Durch diese doppelte Wahrnehmung der Endlichkeit im Unendlichen, im Moment von Gegenwart und Zukunft, sind die Bilder, trotz der inhaltlichen Ausdrucksstärke, von harmonischer Ästhetik getragen: leicht, schwebend, friedvoll. Sie zeigen materielle, leblose Gegenstände, die für einen kurzen Augenblick lebendig erscheinen und einen natürlichen Körper erhalten. Dieses Moment ist das Sein.

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