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GÜNTER SCHÖNBERGER | IM AQUARIUM DER KUNST

Marko Zink verknüpft in seiner Werkserie schwimmer die Stilmittel der Fotografie mit denen der Kinematografie. Die Sujets sind im klassischen Sinne Fotos, insofern sie eine Entzeitlichung durch die fotografische Fixierung des Moments – die Belichtungsgegenwart – erfahren. Und dennoch wollen sie spür- und sichtbar zu keinen Stillleben werden, sondern muten vielmehr als „stills" an, als Einzelbilder einer prozessualen Ablichtung, wie sie in der Kinesis der analogen Filmkunst geläufig ist. Im Oscar-prämierten Drama „American Beauty" (1991, Sam Mendes) kommt ein kurzer Film im Film vor, der vom jungen Hauptdarsteller gedreht wurde: Für eine Minute darf das Kinopublikum den tänzelnden Schwebefiguren eines Plastiksackerls im Wind folgen – eine der zartesten und eindringlichsten Szenen des ganzen Spielfilms. Der Zauber dieser kleinen Sequenz ist unmittelbar und zeigt, wie unprätentiös und dinglich Schönheit gelingen kann. Dieselbe Reduktion auf das Wesentliche der Inszenierung verleiht den Fotos von Marko Zink eine bestechende Ästhetik. Sie sind auf den ersten Blick ansprechend, schön, geheimnisvoll. Die erzählerische Ebene dieser Fotos – die Geschichten, die sie potentiell bergen oder nahelegen – sucht erst danach nach einer Beantwortung. Ob sich die Story dann an dem einen oder anderen Gegenstand mehr entzündet oder ob sie sich als politische, allgemeine, individuelle oder gar tragische und apokalyptische zeigt, liegt eher im Geist als im Auge des Betrachters. Das Auge ist zu diesem Zeitpunkt längst satt und vollgesogen mit dem Ereignis einer Wahrnehmung, die zwischen morphologischer Irritation und kulturellem Déjà-vu pendelt. Es darf mit Marko Zink in jene schwerelose Sphäre tauchen, die die schwimmer-Fotos dem Element Wasser zuschreiben. Die Technikromantikerin Pipilotti Rist lädt in ihrem bekannten Video „Sip My Ocean" (1999) zu wahlverwandten Tauchgängen voller farbiger, aquamariner Poesie ein. In zahlreichen Filmwerken wie zum Beispiel „Im Rausch der Tiefe" (1988, Luc Besson) wird die lärmende, kantige, prosaische Menschenwelt in Richtung des stillen, weichen, trunkenen Umraums der Unterwasserwelt mehr und mehr aufgegeben. Hier, im Versprechen einer salzigen aber paradiesischen Unberührtheit, die aber nur durch den Tod gänzlich erfahrbar wird (...halb sank er hin, heißt es in Goethes Ballade „Der Fischer"), zeigt sich ein dualer Archetyp, bei dem sich Todestrieb und pränataler Evolutionsfunke berühren: Das Meer als geräumigstes aller Gräber, aber auch als kosmische Ursuppe und Fruchtblase. Auch wenn der Aufenthalt des Menschen unter Wasser ein endlicher ist, so wird er als Akt essentieller Purifikation stilisiert. Im österreichischen Film „Atmen" (2011, Karl Markovics) kann der vom Leben bedrängte Hauptdarsteller bezeichnenderweise erst unter Wasser aufatmen, beim Abtauchen im Schwimmbecken...
Wir werden nicht nass, wenn wir Marko Zinks Fotos betrachten; aber es geschieht uns etwas. Wir werden entrückt. Denn der Schleier, den das Fluidum des Wassers zwischen uns und eine allzu scharfe Gegenständlichkeit, Geschichte oder Aussage legt, ist im Prinzip der selbe Gaze-Stoff, den einer der allerfrühesten Experimentalfilmer vor die Linse der Kamera gespannt hatte. Filmgeschichtlich wurde dabei der Duktus des malerischen Impressionismus nachgeahmt. Auch die schwimmer-Fotos erforschen eine Poetik der Entrückung der Realität nicht zuletzt dank der impressionistischen Orientierung, mit der Marko Zink die hochauflösende Prägnanz von Linie und Kontur der Diffusion von Farbräumen und der abstrakten Genese unterordnet. Zink setzt uns in seiner Werkserie auf die im Wasser bereits verlaufene Spur von Gestalt und Geschichte. In seinem Aquarium der Kunst werden wir verführt, dem Reiz der formalen oder narrativen Entschleierung zu erliegen, oder einfach genüsslich mitzutreiben im schön-schaurigen Wellenspiel und damit mehr dem Sog der Bilder näher zu kommen als ihrer Deutung.

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