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 ESTHER MLENEK | LAND UNTER

Nach Starkregen kann eine Sturzflut überall auftreten. Einst sinnstiftenden Begriffen wie Heimat, Glaube oder Ethik zieht es dann den Boden unter den Füßen weg, sie schwemmen internationale Pulverfässer über und verlieren an Tiefgang. In diesem Meer an Unsagbarkeiten gleitet Marko Zinks Papierdrache, schön anzusehen, grell auf azur. Der Glücksbringer, wahrscheinlich aus Shenzhen oder Chittagong, leitet uns mit seinem schrillen Auftreten fehl, denn in „fremd", schwimmer und burka begegnet Bekanntes steht als Irritation. Unter Wasser, dort wo sich Gewohntes ins Unheimliche verlagert, hat der Fotograf ein asiatisches Wurmloch ausgesetzt. Der billige Abklatsch einstiger Traditionsware katapultiert in hitzigere Gewässer, wo sich in einem hegemonialen Wettstreit kleine Drachenzähne plötzlich durch südpazifische Handelsrouten beißen. Hier tänzelt auch ein japanischer Seidenschirm vor obskurem Hintergrund, grast eine Adidas-Hose noch rasch ihre Felder ab. Umgeben von strahlender Ästhetik übersieht man aber leicht, dass die Luft nach oben immer dünner wird. Zinks Meer schreibt eine beharrliche Grenzziehung, eine Absteckung seines Territoriums, in dem die Wellen hell und dunkel, Tintenfischtentakel, Muschelgehäuse, Zeugen anrollender Brandung sind. Perlende Luftblasen, aleatorische Formenexplosion. Das Meer das zugleich das Immergleiche und sich nie Wiederholende ist, es reißt, drückt, drängt an den Gegenständen, treibt sein Mienenspiel, bis wenig Fassbares, Camouflage oder Persiflage, zurückbleiben. Hier stemmen sich zwei abgekämpfte Zelte gegen den Sturm, liegt ein weitgereister Koffer apathisch am Grund, dahinter ein Trauerkleid in Schockstarre, dort eine reichbehangene Perlenkette, die sich eilig aus der Szene stiehlt. Die ertränkten Gegenstände wirken mitgenommen, desorientiert, vereinsamt. Mancherorts mit zartem Feingefühl, dann wieder mit auffälliger Symbolik, thematisiert Marko Zink in seinen Unterwasserserien die krisenhaften Erfahrungen in Transformationsgesellschaften, die verstören, weil nichts mehr verlässlich ist, weil nicht Kontinuitäten, sondern Brüche auffällig sind. Er fügt einzelne Bilder zu einem größeren Narrativ zusammen, das immer aktuell und somit auch politisch gelesen werden will. Diesen Fokus teilt er mit einer Vielzahl professioneller Fotografen, jagt jedoch nicht nach dramatischen Aufnahmen und Stereotypen. Zink positioniert sich bereits mit burka (2010) abseits des derzeit verbreiteten „refugee porn", lenkt den Blick weg von Einzelschicksalen, hin zu einer allgemeinen Erzählung. Dabei gleicht die Mehrzahl seiner Arbeiten ethnographischen Inszenierungen, die einer bedrohlichen Geschichte eine fast wehmütige Poesie abgewinnen. Der Gleichklang an Wehmut und Poesie ist nicht nur den farbenfrohen, jenen entweder so sorgsam in den Sand gepflanzten oder doch beliebig ins Wasser geworfenen, einsam dahinschwebenden Artefakten zu verdanken, sondern auch Marko Zinks Unterwasserszenerie und seiner fotografischen Methode. Wasser, Element der Sehnsucht und der Angst, glatter Meeresspiegel, stürmische See, mystische Projektionsfläche, unbezwingbare Naturgewalt, ein Eintauchen darin ist immer begleitet von archaischen Bildern des Untergehens aber auch der Neugeburt. Bildanschnitte und entschiedene Unschärfe lenken den Blick zudem auf eine Welt, die Atlantis, Niemandsland, Zwischenraum ist und sich so unterschiedlichsten Imaginationen öffnet. Es sind vor allem jene Szenen, in denen Objekte so derart Fehl am Platz wirken, völlig diffus keine Abkürzung zu einer Idee oder einem konkreten Moment enthalten, die uns weite Themenfelder erschließen. Auch Marko Zink selbst erkundet stets neue Lesbarkeiten, denn aktuelle Ereignisse verlangen immer ein wiederholtes Durchschlagen der (Wasser-) Oberfläche. Eintauchen in die Undurchsichtigkeit des alltäglichen Lebens, das Polymorphe, ans Licht führen - dazu nutzt Marko Zink die Deutungsmacht für Zeichen, verwebt Schein und Sein und lockt die Betrachter mit schnellem Witz und schöner Kolorierung. Wer diese Irritationen allerdings entwirrt, sieht plötzlich nicht mehr eine beliebige Geschichte, sondern die schicksalshafte Geschichte der Menschheit. Was den Betrachter packt, wenn er diesen Moment begreift, ist eine tiefreichende Erfahrung, jenes Rumoren des verbindenden Identitätsgefühls, das rettend Anker wirft.

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