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ELFRIEDE JELINEK | IM WALD: TRAGÖDIEN

Es mangelt an vielem, es fehlt vielleicht an allem, aber nicht an Aufmerksamkeit. Wir betonen sie sogar. Wir schauen in den Wald hinein, und es hallt etwas zurück, das wir nicht sind, das wir aber als uns hätten erkennen können. In großer Bedürftigkeit verbergen sich die Körper hinter den Bäumen, aber die Körper sind irgendwie anders, sie sind anders als die vorherigen, die man aber auch nicht wirklich hatte. Sind das Tiere? Nein, das sind wire, aber mit Einsprengsel von Tiere. Tiere ohne Machtphantasien, welche nur Menschen haben. Tiere fressen einfach, auch ihre Gegner, wenn nötig. Tiere ermessen ihre Größe nicht, wenn sie sich durchs Unterholz zwängen, ob ohne Zwang oder mit Zwang, etwa weil jemand hinter ihnen herrennt und sie jagt, um sie danach zu besitzen und über sie zu entscheiden, wenn sie nicht mehr rennen können. Sie entscheiden sich daher oft zur Flucht, wozu sollten sie sich sonst entscheiden?, ja, auch zum Angriff, weil sie Hunger haben oder ihres Nächsten Weib begehren, eine nette Hirschkuh zum Beispiel. Die Entscheidung über ihre Befugnisse treffen sie selbst, sie sind ihre eigenen Herren, machtlos allerdings aus menschlicher Befugnis, mächtig aus eigener, mächtig über kleinere und schwächere Tiere, ohnmächtig als Tiere an sich, was haben sie nur an sich? Sie streben jedenfalls nicht nach dem Ballbesitz, nach anderem Besitz vielleicht schon, und auch das ist leider falsch, mein Hund zum Beispiel hat, wie andre Hunde auch, ununterbrochen nach Ballbesitz gestrebt; die Tiere des Waldes, die wir auch sein können, wenn wir nicht ganz bei uns sind, wissen nicht, was der Ball überhaupt ist, daß der Ball rund ist. Die Tiere wissen es nicht, die aber keine sind, wissen es nicht besser. Deshalb streben sie eben stets danach, uns zu überwältigen. Das tun wir aber auch. Sind es deshalb Menschen, das da, was hier ist, ein Stück Mensch? Auch nicht. Sind sie, die Tiere, der Meinung, daß ihr Meinen etwas bedeutet, das etwas meint? Das ist ihnen egal. Aber es sind ja gar keine Tiere! Ja, schauen Sie nur hin! Es sind Tierteile, Teiltiere, die aber nicht teilen wollen: Der Mensch hat ja schon seinen Körper mit ihnen geteilt. Was will man mehr? Was will das Tier mehr, das der Mensch nicht wollen kann, denn sonst könnte man ihn als Menschen schon gar nicht mehr erkennen, und er hätte nur Macht über sich, anstatt Macht über alles andere auch? Was will er uns damit mitteilen, der Mensch, der Tier werden möchte, es aber nicht ganz bis dorthin geschafft hat? Daß er er selbst ist, nur anders? Daß ihm die Entscheidung über sich selbst endlich abgenommen worden ist, die eine Chimäre ist, halb Tier, halb Mensch, zur Entscheidung befugt, zum Betreten des Waldes nicht befugt. Schon der Wald ist mehr als jede Entscheidung, man müßte nur erst hinein kommen. So, jetzt sind wir schon drin, geht doch!, war gar nicht so schwer!, und was hat sich dadurch geändert, was hat sich ergeben? Sachen kann man hier nicht einkaufen, also muß man es selbst sein, was das Sein eingekauft hat. Öffnen Sie jetzt Ihr Einkaufsnetz!, wir wollen sehen, ob Sie etwas gestohlen haben! Obwohl wir das auch von außen hätten sehen können. Haben Sie da ein Tier gestohlen oder sind Sie es gar selbst? Teils – teils. Das kann man nicht einfach so sagen. Das bestimmt seine Spielregeln selber, aber das Spiel haben wir sehr wohl gestohlen, es ist aber nicht im Netz, es geht nie ins Netz, wir haben es in die Tasche gesteckt, so wie wir jeden in die Tasche stecken könnten, wären wir denn richtige Menschen. Ja, was wären wir denn dann? Wir wären teilweise, und den andren Teil würde die Öffentlichkeit brauchen. Da gehen wir lieber in den Wald und kommen zurück, aber nur halb. Die andre Hälfte hat die Absicht, Sie zu verwirren, bis Sie nicht mehr wissen, wer Sie sind, bis Sie gegen andre völlig gleichgültig geworden sein werden, weil die andren anders aussehen. Sie aber sehen jetzt schon ganz anders aus! Gewöhnen Sie sich an den Gedanken!, obwohl Sie sich ja an Gedanken besonders schwer gewöhnen können.

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