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ANDREAS STADLER | DER LOCKRUF DER MODERNE

Warum sehnen wir uns heute wieder nach den Glorious Fifties, den Zeiten als klare Haarschnitte mit Brillantine, schnittige und enge Anzüge, runde Autos mit weichen auslandenden Formen sowie der Glaube an die Zukunft den Ton angaben? Der Zweite Weltkrieg war gerade vorbei und die USA führten in Korea einen heißen - sowie überall anders mit der moralischen Autorität einer Siegermacht ausgestatteten - kalten Krieg. In Europa, auch in Österreich wurden der Schutt weggeräumt, Talsperren und Hotels errichtet, die Identität eines Landes erdichtet, das zwei Generation lang an sich nicht geglaubt hatte und den Rattenfängern der Nazis nachlief.

In diese Zeit fällt aber auch die Epoche, die wir heute entweder abschätzig oder bewundernd als „die Moderne" bezeichnen: Ein Lockruf, der dem Menschen eine bessere Zukunft verhieß. Wer heute spart und investiert, wird es morgen einmal besser haben. Auch die vielen Kinder, die zuvor noch hartes Brot gekaut hatten, würden einmal jeden Tag frische Semmeln bekommen, und eine weich gekochtes Ei, und ein Auto, mit dem die Familie gemeinsam auf Urlaub fährt – in den Bergen, wo die Natur noch intakt ist.

Denn mit der Moderne kamen auch Industrie, Verkehr und Umweltzerstörung. Die großen Desaster der siebziger (Ölkrise) und achtziger Jahre (Tschernobyl) erschütterten die Selbstgewissheit der Menschen, sich die Erde Untertan machen zu können. Der Kommunismus scheiterte sowohl mit dem neuen Menschen, als auch seinem Verhältnis zur Umwelt, der sozialdemokratische Kapitalismus zumindest am letzteren.
All diese Sehnsucht ist auch in Marko Zinks poetischer Nacherzählung des Schrunser Kurhotels zu spüren. Wir spüren den Luxus, der in die Natur zur Erholung gestellt wurde, damit die modernen Touristen sich ihren alpinen Zerstreuungen hingeben können. Die klaren Farben des Hauses, aber auch der Fotos stehen für den Klartext einer Zeit, in der es noch wenige Zweifel gab. Wir könnten uns der Illusion einer Reportage hingeben, wenn es nicht konsequent menschliche Regungen gebe, die das Morbide verstören, beleben, verschmitzt herausfordern. Zehen, Pobacken, ein Penis, eine Brust, eine Hand und lange Beine, die in Damenschuhen enden, Menschen aus einem Alfred Hitchcock Film. Diese warmen Regungen des Lebens brechen die Darstellungsformen der Salonphotographie auf. Sie spielen knapp unter der Grenze der Peinlichkeit mit Erotik und Gruseln.

Marko Zink erzielt diesen Effekt der Unheimlichkeit, in dem er sich in die Gefühlswelt und in das Gedächtnis des Betrachters außerhalb politischer und akademischer Konventionen und Sprachregelungen einschreibt. Es modert gar nicht – weder im Kurhotel, noch im Kopf des Künstlers. Denn er lockt uns mit einer unheimlichen Zeit, deren Klarheit uns heute wieder fehlt.

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