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Christian Scheib | Happiness, in Multiperspective

1776, am 4. Juli, verabschiedet der amerikanische Kongress die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, ein – abgesehen vom konkreten politischen Kampf um Unabhängigkeit vom britischen »Mutterland« – in seiner Bedeutung demokratiepolitischer Meilenstein, dessen schon im ersten Absatz festgeschriebene Gleichheit aller Menschen samt deren Recht auf das »pursuit of Happiness« legendär werden sollten: »We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness«.

200 Jahre später, 1976, wird dieses Jubiläum gefeiert und der Komponist John Cage bekommt im Zuge dessen einen Kompositionsauftrag. Man könnte es auch so sehen: Es war Cages lebenslanges künstlerisches Ziel, auf seine sehr persönliche, von den amerikanischen Philosophen des 19. Jahrhunderts Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau geprägte Art eines sanften Anarchismus, das Recht auf ein »pursuit of Happiness« künstlerisch zu formulieren, zu skizzieren, und selbst zu leben. Als er 1976 zum Zweihundertjahrjubiläum diesen Auftrag für ein Ensemble- oder Orchesterstück bekommt, erinnert er sich an alte amerikanische kirchliche Hymnen, wie sie zur Zeit der Unabhängigkeitserklärung in allen Kirchen der damals 13 Gründerstaaten gesungen worden waren. Es sind einfache Choräle und Hymnen, oft vierstimmig zu singen. John Cage war seit Jahren am kompositorischen Organisationskonzept des präzise angewandten Zufalls interessiert, weil er das als einen Ausweg aus dem alten Prinzip und des seiner Meinung nach zu überwindenden autokratisch diktierenden Künstlergeschmacks verstand. Also nimmt er sich acht originale Hymnen vor und löst Fragmente mit Hilfe des I Ging Orakels aus ihren alten Zusammenhängen. Aber – typisch John Cage – natürlich nicht wirklich zufällig, sondern nach strengen, vorausgedachten Regeln: Nie sollten mehr als vier der 93 Orchesterinstrumente gleichzeitig erklingen und das alles in einem ununterbrochenen ruhigen »flow«. Seltsam schöne, »zufällige« neue Harmonien entstehen, die alte Welt amerikanischer Hymnen schimmert durch ein semiabstraktes Gemälde des 20. Jahrhunderts, aus einem Standpunkt wird – und darum hat John Cage sich ein Leben lang und mit immer neuen Methoden bemüht – aus einem singulären Standpunkt wird die simultane Multiperspektive.

Seit Jahren ist das zirka dreiviertelstündige Stück nicht mehr zur Gänze aufgeführt worden, das RSO Wien spielte im Herbst 2012 die – laut Verlagsauskunft – nach der Uraufführung erst dritte Gesamtaufführung. Uncharakteristisch für den Klangkörper Orchester aber charakteristisch für dieses Stück ist die Orchesteraufstellung: Nicht wie üblich in Instrumentengruppen samt deren hierarchischer Ordnung spielen die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne, sondern in einer wie zufällig durcheinandergewürfelt aussehenden, in Wahrheit aber auch wieder ausgeklügelten Aufstellung, die so selten wie möglich gleiche Instrumente direkt nebeneinander zu sitzen kommen lässt. Auch in jener Probe, in der die Grundlage für Katharina Strubers Foto gelegt wurde, entspricht die Aufstellung der Musikerinnen und Musiker der sanften Anarchie des John Cage.

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