Schleifmühlgasse 18 - 1040 Wien
+43-1-9207778 - info@galerie-stock.net

.

Hendrik Lakeberg | Light Flow

Fährt man nachts mit einem Auto durch die Großstadt, dann verwischen die Farben der Leuchtreklamen, die an den Fassaden von Altbauten und auf Dächern von Hochhäusern werben. Man nimmt sie wahr, versucht sie aber nicht mehr zu entziffern. In ihrer Allgegenwart lösen sich die Schriftzüge der Leuchtreklamen von ihrer jeweiligen Bedeutung, sie sind wie eine Filmkulisse. Sie erzeugen die Atmosphäre der Großstadt.

Mit seinen Lichtarbeiten, bei denen Ensembles aus Kreisen und Linien oder changierende Farbspektren oft mehrfarbig leuchtend den Galerieraum in ein alchemistisches Labor verwandeln, transformiert Hans Kotter die Großstadt-Atmosphäre zu abstrakten Lichtlandschaften. Was bleibt ist allein die Magie des Lichts, ihre atmosphärische und manipulative Kraft. Damit knüpft er indirekt an die Grunderfahrung der Moderne an: Das Wahrnehmen und Erleben der Großstadt, die – wie der Soziologe Georg Simmel schrieb – „Steigerung des Nervenlebens, die aus dem raschen und ununterbrochenen Wechsel äußerer und innerer Eindrücke hervorgeht."

Die Wahrnehmung der Großstadt, die sinnliche Überreizung, die mit ihr einhergeht, ist anders als zu Anfang des 20. Jahrhunderts im 21. Jahrhundert zur Lebensnormalität geworden. Wie Dinge scheinen, wie sie präsentiert werden ist heute zumeist wichtiger als ihre Realität und ihre Funktion. Anders gesagt: Das Spektakel der Lichter und Farben der Werbe- und Warenwelt überstrahlt im Kontext der Großstadt häufig das Produkt oder den Event selber. Das Spektakel wird zum Selbstzweck, das Licht abstrakt. Diese Magie des Lichts macht Kotter zum Thema eines Hauptteils seines Werkes.

In der klaren und geometrischen Formensprache von Kotters Objekten und Installationen findet sich ein deutlicher Bezug zur Kunst der Moderne. Die Arbeit „Edge" zum Beispiel wirkt als habe er eine Grafik von El Lissitzky oder eine Malerei Piet Mondrians in die Dreidimensionalität überführt. Doch anders als die Künstler der Moderne stellt Hans Kotter in seiner Kunst nicht die Forderungen, die Welt ästhetisch neu zu erfinden. Diese Aufgabe hat inzwischen längst die Werbung und das Design übernommen. Kotters Skulpturen und Objekte, seine Leuchtkästen erwecken auf den ersten Blick den Eindruck, sie wären dazu geschaffen Räume zu verschönern, doch in Kotters Kunst geht es um mehr.

Der Philosoph Gernot Böhme definiert Raum als „die affektiv getönte Enge und Weite, in die man hinein tritt, das Fluidum, das einem entgegenschlägt." Dieses Fluidum erzeugt in Kotters Arbeiten ästhetische Erfahrungen, die vor allem auf Großstädter vertraut und fremd zugleich wirken. Sie liegen jenseits des Alltäglichen, sind aber gleichzeitig tief in ihm verwurzelt. Sie führen vor, wie Licht Atmosphäre erzeugen kann, wie dessen sinnliche Intensität den Betrachter manipuliert und in den Bann zieht.

Schon als Kind interessierte sich Hans Kotter für die Malerei der Futuristen, vor allem für Umberto Boccioni, oder die Op Art Victor Vasarelys. Bis heute sind es diese beiden Pole, zwischen denen Kotters Kunst changiert: Der Bezug zur Moderne und das Spiel mit den Sinnen. Neben seinen Lichtobjekten und - installationen, ist es vor allem die Serie mit Nahaufnahmen von Lichtbrechungen, an der Kotter seit einigen Jahren arbeitet. Es entstanden Fotos, die auf den ersten Blick wie abstrakte, mit dem Computer generierte, Grafiken wirken – in Wahrheit zeigen sie die Physik der Arbeit, oder besser: Die Metaphysik des Lichts. Ob Kotter hypnotische Endlosspiralen in einem Glaskubus feierlich inszeniert, als habe man es mit einem Tor in eine andere Dimension zu tun oder ob er die Lichter der Großstadt in abstrakte Raumlandschaften verwandelt; Hans Kotters Arbeiten sind Reflektionen über den Prozess der Wahrnehmung, Studien über die Herstellung von Atmosphäre. Das affektive Fluidum, das sie in den Raum ergießen, verströmt Schönheit und Erkenntnis. Es macht die sinnliche Beschaffenheit der Gegenwart erfahrbar, um sie gleichzeitig magisch aufzuladen. Durch Kotters Arbeiten wird das Sehen zu einem Akt der Alchemie.

Go to top