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21.6.
MARKO ZINK | RADAR
Akademie der bildenden Künste | Diplomausstellung
WO: Semper Depot, Lehargasse 6-8, 1060 Vienna
21.06. - 30.06.2017

MARKO ZINK | RADAR

In meinem Diplom RADAR geht es vor allem um Perspektiven. Dieser große Begriff variiert in seiner Bedeutung innerhalb der Diplomwerkgruppe.

Ich möchte in meinen Fotografien für das Diplom Erinnerungen auslösen, auch für mich selbst und lasse mit dem Diplom meine Werkserien Revue passieren. Denn dieser Erinnerungsmoment, den Fotografien auslösen können, ist ein Hauptkriterium der Fotografie. Ich wähle eine Art Retrospektive bisheriger Werkgruppen, verorte sie innerhalb des Diploms neu und ergänze sie durch mehrere, neue Arbeiten. Die Auseinandersetzung mit mehreren Disziplinen/Medien prägt meine künstlerische Arbeit, der Einfluss (unter anderem) von Prosa und Lyrik ist in der Mehrzahl meiner Arbeiten lesbar (ich habe auch Germanistik studiert).

"Es gibt Augenblicke, in denen die Zeit plötzlich stehen bleibt, um der Ewigkeit Platz zu machen."
In dem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" von Marcel Proust begibt sich der Protagonist auf die Suche nach Sinn und Wesen der Kunst und geht dabei auf Spurensuche. Genau hier setzt auch mein Diplom RADAR an. Ich habe mich auf die Suche nach der verlorenen Zeit gemacht und erzähle mit den Arbeiten eine Geschichte, die nicht immer gleich sichtbar wird und für die BetrachterInnen einen großen Freiraum an Interpretationen/Lesarten und Identifikationen ermöglicht. Wie bei einem Radarsystem werden einzelne Werkgruppen gescannt, analysiert um dann am Ende zu einer neuen Einheit zusammengeführt: Wiedererkennung und Identifizierung spiegeln sich in Namenlosigkeit und Unsichtbarkeit. Die Suche nach der eigenen Persönlichkeit reflektieren sich in einer Familienhistorie. Ich selbst stehe dabei im Mittelpunkt des Sich-Erinnerns, ich drehe mich um einen imaginären Radius, der/die BetrachterIn zum/r MitspielerIn werden lässt, um im emotionalen Karussell mitzufahren, ihre/n eignen Radius zu finden.
Wie in einem Radarsystem dringt etwas in etwas anderes ein, zum Beispiel in einer neuen Art eines vierteiligen Familienportraits (erste Werkgruppe): die erste Perspektive verleitet diese kleine Serie zuerst ausschließlich mit Humor zu lesen doch beginnt hier die erste Perspektive beim näheren Betrachten doch zu kippen. Ich trete als meine Großmutter, mal als mein Vater, oder als mein Bruder oder als ich selbst auf, immer mit einer vorgehaltenen Fotomaske und habe die Variante der moderne Selbstdarstellung gewählt, das Selfie.
Durch die augenscheinliche Ironie wird der Betrachter aber erst eingefangen: lässt sich das Gegenüber auf das Spiel ein, öffnet sich - wie in allen meinen Serien - ein doppelter Boden der „Wirklichkeit" und die anfängliche, sicher geglaubte Illusion bricht. Friedrich Dürrenmatt benannte dieses Spiel zwischen „Sender" und den sich in Sicherheit glaubenden „Empfänger" tragische Komödien und erreichte mittels der Zusammenführung aus Komödie und Tragödie eine neue Perspektive innerhalb der Literaturgeschichte. Er verortete beide Gattungen neu, verband sie und brach damit literarische Grenzen auf, ohne (vordergründig) einen didaktischen Anspruch an sein Werk zu stellen.

Welche Geschichte, oder von welchen künstlerischen Perspektiven erzählen die Fotografien?
Zuerst soll erklärt werden, dass ich meine Fotografien immer narrativ anlege. Dies bringt sie in die Nähe zum Medium Film, der sich aus der Fotografie entwickelt hat. Ich bin analoger Fotograf und koche die Filme vor der Entwicklung, dadurch entstehen malerische Momente (Nähe zur Malerei, aus der sich wiederum die Fotografie „gelöst" hat), der „Neben"effekt ist die Haltbarkeit der Negative, denn sie zerfallen nach einigen Jahren. Sie zerfallen so wie die jeweilige Geschichte auf dem Negativ, damit auch die unmittelbarste Erinnerung an die Situation.

Ein Zebrabild folgt dem bereits beschriebenen Familienportrait. Der Akteur verbirgt sich auch auf dieser Arbeit erneut hinter einer Maske. Die Arbeit stammt aus meiner Serie tragödien, die durch Friedrich Dürrenmatt inspiriert ist. Halbwesen (Halb Mensch - halb Tier, gemäß eines Satyrs) verstecken sich im Unterholz, das Format des Panoramas, das an eine Bühne erinnert, verweist auf den Dramatiker selbst, die griechische Übersetzung des Wortes „Panorama" bedeutet „alles sehen": „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst mögliche Wendung genommen hat. Die schlimmst mögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein." Diese schlimmst mögliche Wendung für die Menschheit wäre wohl schlussendlich ihr Aussterben, Dürrenmatt fand die direkte Bedrohung in der Atombombe und dieses Thema ist auch heute allgegenwärtig. Wie in einem Theater bevölkern nun Halbwesen - nach dem Supergau - die Erde. Diese Zwitterwesen besitzen allesamt allerdings Bedeutungscharakter: „Sind das Tiere? Nein, das sind wire, aber mit Einsprengsel von Tiere."

Der Filmstreifen, der unter dem Panorama mitläuft, dokumentiert eine bedrohlich regnerische Autofahrt und erinnert an eine Endlosschleife eines film noire, Wie einem Filmkader entnommen, entführt ein Mädchen, das in eine Pusteblume bläst (und dieser Akt doch meist für einen Wunsch steht) den Betrachter in eine Vergangenheitsform: die in schwarz/weiß gehaltene, sich überlappende und selbst abgezogene Fotografie markiert für mich den Einstieg in die Kunstwelt, da sie eine der ersten Fotografien ist, die ich überhaupt jemals gemacht habe. Es ist für mich quasi eine doppelte Spurensuche und führt mich vom Beginn meiner Lebensentscheidung hin zum Abschluss auf der Akademie der Bildenden Künste.

Die folgende, dreiteilige Werkgruppe, entnommen aus der Serie „im kurhotel" spielt mit einem doppelten Boden: Erneut ist es eine Frage der Perspektive, des Radars, der die Bilder abtastet: erblickt man/frau zuerst eine scheinbare Salonfotografie, ändert sich dies beim genaueren Hinsehen: das Bild wird zum Suchbild: auch hier fängt etwas durch eine Irritation an zu kippen, denn hinter den Möbeln verbergen sich Körperteile, die auf den ersten Blick fast unsichtbar sind. Die Fotografien sind in einem Kurhotel entstanden, das seit Jahren leer steht. Als ich zum ersten Mal das ehemals über die Grenzen hinaus bekannte Wellnesshotel besuchte, dachte ich, es müsse bewohnt sein, denn die Zimmer waren aufgeräumt, die Betten wie frisch überzogen. Wäre da nicht der modrige Geruch gewesen, die absolute Stille, das Selbstschließen der Türen. Beim zweiten Blick auf die Kuranstalt, bemerkte ich die bröckelnde Fassade, das Ende des Hauses. Der ehemalige Arzt wurde zum Patienten, die Körperteile auf den Bildern verwandeln sich in Objekte, werden zum Objekt, zum Teil des Mobiliars, werden aus ihrem bisherigen Verständniskontext herausgerissen und neu „inszeniert". Die Bilder erinnern zudem erneut an Filmstills - das Seltsame, Unheimliche, fast Groteske dringt durch.

Auch das Hauptbild des Diploms, ein Vexierbild, das von drei Perspektiven aus betrachtet werden kann, je nachdem wie man in das Bild sprichwörtlich blickt, basiert auf dem Prinzip der Durchdringung: Das Bild fordert heraus, entdeckt zu werden. Aus mehreren Lamellen bestehend, erinnert es an die Vexierbilder des Mittelalter, welche meist die Dreifaltigkeit oder andere wichtigen, meist adeligen oder kirchlichen Würdenträger abbildeten. Ich habe in den Medaillons die Schriftsteller Thomas Bernhard und Sarah Kirsch versteckt, die dritte Perspektive bleibt bewusst unscharf.

Die Luft riecht schon nach Schnee, mein Geliebter
Trägt langes Haar, ach der Winter, der Winter der uns
Eng zusammenwirft steht vor der Tür, kommt
Mit dem Windhundgespann. Eisblumen
Streut er ans Fenster, die Kohlen glühen im Herd, und
Du Schönster Schneeweißer legst mir deinen Kopf in den Schoß
Ich sage das ist
Der Schlitten der nicht mehr hält, Schnee fällt uns
Mitten ins Herz, er glüht
Auf den Aschekübeln im Hof Darling flüstert die Amsel

Sarah Kirsch

Wasser ist das Element aus dem wir uns entwickelt haben. Das Wasser gibt, das Wasser nimmt aber auch. Ich habe die Portraits der Personen dem Meer anvertraut und schaffe damit eine Referenz auf meine Unterwasserserie schwimmer, deren Werkkatalog anlässlich zu meinem Diplom im Verlag für moderne Kunst erscheint. In der Serie schwimmer werden leblose Objekte durch die Strömung des Wasser belebt, erscheinen plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde als Subjekte.

Wasser und Wald sind in meinen Serien als Bühnen allgegenwärtig. Die Bedeutungen dieser Bühnen ändert sich aber stetig. Die kleinen Baumaufnahmen und die in blau gehaltenen Waldarbeiten, die das Vexierbild flankieren, unternehmen den Versuch, Erinnerungen abzurufen, zu aktualisieren und neu zu besetzen. Friedericke Mayröcker hat einmal zu mir gesagt, als ich mit ihr für ein künstlerisches Projekt zusammenarbeitete, dass es seltsam wäre, wie abhängig man von der Kraft einer anderen Person sei. Ich habe diese Aussage niemals vergessen. Wenn etwas wegfällt, ändert sich vieles. Vertrautes wird plötzlich Unvertraut, „Heimat" (im Sinne von Zugehörigkeit, einem Ort, einer Erinnerung) wird neu verortet. bzw. muss neu gefunden werden.

Das letzte und aktuellste Bild ist jenes (wie eingangs beschrieben) mit den pulsierenden Schirmen vor der streng, symmetrisch verlaufenden Fassade. Die Personen, die die Schirme halten, sind verdeckt, erneut werden sie zum Objekt, sie dienen nur dem Zweck. Hier fließen Formen ineinander, begrenzen sich und lösen sich auf, fordern den/die BetrachterIn auf, sich den (eigenen) Perspektiven zu öffnen und ihre Geschichten in den Fotografien zu finden. Ich selbst schirme mich nicht ab, sondern schließe damit den Kreis und meine eigene Perspektive. Nicht wir erscheinen in der Welt, sondern die Welt erscheint in uns. Sie erscheint mit den Erinnerungen und diese verschwinden mit der Zeit und daraus ergibt sich eine große Erkenntnis: „Ohne Illusion keine Erleuchtung, ohne Erleuchtung keine Illusion."

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Akademie der bildenden Künste Wien (A)
Marko Zink

 

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