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8.9.2016
VLASTA DELIMAR | PUT YOUR FAITH IN WOMEN
Kurator: Marko Stamenković
9.9. - 29.10.2016
Eröffnung: 8.9.2016, 18h & Performance 20h: Vlasta Delimar & Marko Marković
Finissage: am Freitag, 28. Oktober ab 19 Uhr
WO: Galerie Michaela Stock, Schleifmühlgasse 18, 1040 Wien

Performance, Donnerstag, 8.9., 20h:
Monumental BANG - Vlasta Delimar & Marko Marković

Performance: Freitag, 9.9., 18h:
Vlasta Delimar - Conversation on the bed

Performance: Samstag, 10.9., 12 - 15h:
Vlasta Delimar - LATE BREAKFAST IN BED

FINISSAGE: am Freitag, 28. Oktober ab 19 Uhr
Künstlerführung durch die Ausstellung & Videovorführung der Performance MONUMENTAL BANG

Vergessen Sie Ihre Therapeuten (wenigstens diesen Herbst...). Sie haben für Sie nicht viel mehr getan, als eine „Diagnose" zu stellen, selbst nach Stunden über Stunden von Therapie, die tief in Ihrer schmutzigen Phantasie, Ihrer promiskuitiven Vergangenheit und Ihrer nicht wirklich glücklichen Zukunft bohrten. Geben Sie es zu: Sie haben Sie nie gänzlich von den Schmerzen befreit, unter denen Sie leiden – nicht, weil Sie nicht an so etwas wie „Schuld" (eine bloße Erfindung der Römisch-Katholischen Kirche, oder?) glauben, sondern weil Sie immer noch so grausam und wunderschön menschlich, und dabei doch so traurig sind. Und kein Lächeln auf Ihrem Gesicht kann den Mangel der Aufrichtigkeit hinter der Maske voll Mitgefühl ausgleichen, die zu künstlich ist, um sie direkt anzublicken.

Am Donnerstagabend (8. September 2016) reißen Sie sich zusammen, nehmen Sie die Maske ab und treten Sie ein in die „heilige" Ausstellungsfläche der Galerie Michaela Stock in Wien ohne Ihre einstudierte Haltung und Ihr aufgesetztes Lächeln. Versuchen Sie diesmal Sie selbst zu sein. Auch barfuß (falls Sie das möchten). Werden Sie Ihre falschen spießigen Moralvorstellungen los und nehmen Sie an einer „Gruppentherapie" teil, die niemals als solche gedacht war. Stellen Sie sich vor: Sie sehen vor Ihrer „Schutzbrille" einen nackten Körper, so menschlich wie Ihr eigener – schamlos und bloßgestellt. Er lädt Sie dazu ein, nach vorne zu treten und vor ihm niederzuknien. Verhalten Sie sich wie ein wahrer Christ: Bringen Sie Ihren Seelenklempner mit, spreizen Sie die Beine und legen Sie Ihren Glauben und ihr Vertrauen in die Frauen: „Es ist Zeit für einen Aufstand der Unhöflichen".1

Nach vierzig Jahren künstlerischer Karriere flirtet Vlasta Delimars rudimentärer Körper jetzt mit Ihnen in ihrer ersten Solo-Show in Wien. Sie drängt Sie nicht dazu, irgendetwas zu beichten (wie Sie es viel zu oft in Ihrer turbulenten Jugend getan haben), sondern fordert Sie auf, zu sehen, zu denken und zu spüren was es bedeutet, mit sich selbst und der gesamten Welt zu kommunizieren: Als eine nackte Frau, die sich ihrer Sexualität bewusst ist, als ein starker und aufrichtiger Mensch und schließlich als eine wagemutige künstlerische Persönlichkeit, deren „Bloßstellung" mehr von ihren intelligenten Begegnungen mit anderen als von der perversen Beziehung der Menschheit zu sich selbst offenbart.
Marko Stamenkovic

1See: Rhyd Wildermuth, We Are The Rude: Bourgeois Morality, False Commons, and Pagan Love. Gods&Radicals, February 2016.


VLASTA DELIMAR | PUT YOUR FAITH IN WOMEN | MARKO STAMENKOVIC

... Nacktheit ist etwas, wozu jeder Mensch einen gewissen Bezug hat – sei er positiv oder negativ, sei es die Kirche oder Pornostars. Bei Nacktheit geht es nicht allein um den Körper, sondern auch um die Geschlechtsteile. Die Geschlechtsteile und die Beziehung dazu – darauf baut das Dogma der Kirche auf. Die Menge der Kleider, die ausgezogen oder angezogen werden [...] dann haben wir dieses schreckliche Rätsel; Muschi, Schwanz, Arschloch, Ficken... Und auf einmal stellt man fest, dass sich alle religiösen Komplikationen irgendwie um die Frage drehen: Ficken oder nicht ficken, kommen oder nicht kommen.
Tomislav Gotovac (2007)

Mehr als bei allen anderen zeitgenössischen bildenden Künstlern aus Kroatien ist die Position von Vlasta Delimar (1956, Zagreb) von Kontroverse geprägt. Vor allem bekannt für das Zelebrieren der erotischen Kommunikation durch ihre autobiografische Darstellung eines nackten menschlichen Körpers, nimmt sie in ihrer ersten Einzelausstellung in Österreich die Macht einer „Priesterin" und eines „Pornostars" an sich, um abermals das Thema der hemmungslosen Sexualität anzusprechen. Diesmal tut sie dies jedoch angesichts einer Gesellschaft, deren versteckte Privilegierung von auf Glauben und Rassen basierenden Initiativen – auch wenn es geleugnet wird – eine tief verwurzelte Norm im kollektiven Unterbewusstsein bleibt. Nicht eingeweihte Leser sollen an eine Keller-„Subkultur" erinnert werden, die österreichischen Haushalten eigen ist, und an ihre sexuell geladenen, zwanghaft psychodramatischen realitätsnahen Szenarien, die sich oft um Phänomene wie Inzest, sadomasochistische Rituale und Neonazi-Kult drehen. Veranschaulicht wurde dies beispielsweise durch den berühmt-berüchtigten Fall Fritzl (2008) und in Ulrich Seidls Dokumentarfilm Im Keller (2014) dargestellt. Ständig von der eigenen unrühmlichen Erfahrung eines menschlichen Körpers gequält (auf allen Vieren ausgestreckt, gefesselt, böswillig berührt und entblößt, angefasst, penetriert, vergewaltigt, sogar verbrannt – und all das in Verehrung), sind die Zuseher nun eingeladen, etwas „Neues" zu sehen: keine nackte Exhibitionistin, die vorgibt, gleichzeitig Priesterin und Pornostar zu sein, sondern die Reflexionen ihres eignen kollektiven Unterbewusstseins, das erneut aus dem Keller an das Wiener Tageslicht gebracht wird.

Geboren in einer proletarischen Familie, erschien Vlasta Delimar in den späten 1970er-Jahren in der Kunstszene des ehemaligen Jugoslawien und verfolgte ihren Weg international über fast vier Jahrzehnte. Zwischen 1978 und 2016 entstanden zahlreiche Arbeiten, die Performances, Actions, Happenings, Videodokumente, Fotografien, Fotocollagen und Installationen umfassten. So hinterließ sie eine unauslöschliche Spur in der Evolution von visueller Kultur und Körperpolitik in Zentralosteuropa, die im Jahr 2014 durch die Retrospektive This is Me im Museum of Contemporary Art Zagreb gekrönt wurde. Auch in ihrem sechsten Jahrzehnt bleibt Delimar ihrer furcht- und schamlosen Herangehensweise an das Schaffen von Bildern treu und ihr Körper zieht – trotz biologischen Alterns – nach wie vor Aufmerksamkeit auf sich, wenn in der Öffentlichkeit entkleidet und zur Schau gestellt. In ihren eigenen Worten: „Meine Anfänge in den frühen 1980er-Jahren waren, was offizielle und zivile Kritik betrifft, aufgrund meiner Arbeiten, die eindeutig erotische und sexuelle Konnotationen hatten, sehr turbulent. Als größte Beleidigung empfand ich damals die Oberflächlichkeit der Sichtweisen meiner Arbeiten: Das ging Hand in Hand mit der Trivialisierung von Erotik und Sexualität, die die Grundlage unserer Existenz bilden. Zum Beispiel eine Schwarz-Weiß-Fotocollage aus dem Jahr 1981 mit dem Titel Fuj, Beee (Phew, Beee) – sie zeigt das vergrößerte Porträtbild eines männlichen Geschlechtsorgans, unbearbeitet und mit splitternackten Hoden, mit einer violetten Blume und einem weißen Spitzenband, die die oberen Teile des Schamhaars schmückten – ironisiert nur diese falsche bourgeois Moral, die wiederum eng mit dem klerikalen Weltbild verbunden ist."

Man muss nur ihre vielen und verschiedenen Körper betrachten: Splitternackt oder entblößt, gehören zum Begriff eines (elementaren) Körpers und der Notwendigkeit einer elementaren, ursprünglichen Beziehung zu diesem Körper, wie sie bei zahlreichen Gelegenheiten betont hat: „Elementarer Körper heißt existenzieller Körper, in körperlicher, geistiger oder sexueller Hinsicht." Das liegt recht nah an der kühnen Weisheit von Nacktheit, wie sie Tomislav Gotovac ausdrückt: "Gib jede Dummheit auf, weil wir alle vom lieben Gott erschaffen wurden. Es gibt nichts, wofür man sich schämen müsste, nicht einmal Geschlechtsteile. [...] denn die Botschaft eines nackten Körpers ist: Ich habe nichts zu verbergen. Gott hat mich durch meine Mutter so erschaffen, was soll hier also obszön sein? Was ist an deinem Schwanz, deinen Eiern, deinem Arschloch obszön?"

Entgegen normativen Konzepten von Verhaltensregulation, die die Achse des politischen, kulturellen und religiösen Mainstream in sozialistischen, postsozialistischen und kapitalistischen Gesellschaften darstellt, beschäftigen Delimars vielfältige Auftritte im öffentlichen Raum, persönlich oder durch Bilder, die Menschen, weil sie – oft sehr intensiv – berühren, was nicht berührt werden „soll": ihr Bewusstsein und ihre Gewissenhaftigkeit, ohne jemanden gleichgültig zu lassen. Ihre „Ikonen" treffen Betrachter genau dort, wo (erlernter) moralischer und (ebenfalls erlernter) intellektueller Narzissmus eine vermeintlich sichere Zuflucht gefunden hat: wo sie glauben zu wissen, wer sie sind, während sie vor den anderen ihre Rolle spielen – immer hinter goldenen Masken.

PUT YOUR FAITH IN WOMEN untersucht, wie unablässig körperliche Kommunikation von vorgefassten Meinungen über Sexualität und Nacktheit dominiert und von sozialen Tabus genährt wird. Delimars Ikonografie im Zusammenhang mit diesen Tabus weckt bewusst Aufmerksamkeit durch ihre Fähigkeit, zeitlose visuelle Orgasmen vorzuführen, in aller Öffentlichkeit, um das Publikum in unmittelbare Teilnehmer an ihrem eigenen Sakrament zu verwandeln. Indem sie entweder im Akt echten Geschlechtsverkehrs beteiligt ist oder nur ein Gefühl von Lust/Schuld/Schmerz, das mit Geschlechtsakten assoziiert wird, hervorruft, lassen Delimars Handlungen in persona Christi die patriarchische, puritanische Form der Vernunft in den Hintergrund treten, als Mittel, um ihre eigene Gnade (durch ihre Bilder als Mittel sexueller Autorität) ihren „Büßern" zuteilwerden zu lassen. Durch den bloßen Akt des Betrachtens werden die Ausstellungsbesucher in Wien in Delimars ungewöhnliches Ritual verwickelt und fügen sich in ihre häretische Auffassung von visueller Selbstverwirklichung ein, die die befreiende Kraft der Sexualität als Möglichkeit für einen neuen Humanismus fördert. Was ihre Selbstdarstellungen von aufgestaut sexueller Erregung – jetzt in Wien entladen – vor den Betrachtern offenbaren, ist kein weiteres Bild einer spielerischen, verführerischen Frau, die sich ausgezogen hat, um jemandes sexuelle Begierde zu erregen oder eine gewisse Abscheu zu nähren. Nein. Ihre „visuellen Orgasmen" enthüllen einiges über die Menschheit, die eher nicht auf eine einzige Frage antworten wird: Können Menschen ihre nackte Scham verlernen?

Immer noch ganz und gar eine „Frau", aber gleichzeitig weniger „weiblich" als manche Feministinnen sie gerne gesehen hätten, sind ihre ikonischen Arbeiten aus den 1980er-, 1990er- und 2000er-Jahren weiterhin Zeugnis, dass Vlasta Delimar die Reflexion ihres dekolonialen Anderen ist – dieser ursprüngliche, Körper, in sich selbst befreit und befreiend für den Betrachter; entblößt, ohne „nackt" zu sein, und „entblößend", während wir aufgerufen sind, uns davon, „wer wir zu sein glauben", zu lösen. Wenn also „die Frage für alle normalen Menschen lautet: Warum zur Hölle ziehst du dich aus, warum zeigst du uns deine Geschlechtsteile und was zur Hölle bedeutet das?" (Tomislav Gotovac, 2007), kann man anlässlich dieser Ausstellung zumindest eine Antwort darauf geben. Vlasta Delimars entkleideter Körper ist ein panafrikanischer Körper, weder männlich noch weiblich, sondern in erster Linie menschlich. Dieser Körper lädt uns ein, unseren kolonisierten Blick von einem stark normativen, gewaltsam auferlegten, angeblich einzigartigen, rationalen und universellen Weltbild abzuwenden und fordert unser Bewusstsein dazu auf, unseren einzigen, elementaren weiblich/männlichen Körper in seinen natürlichen, ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen: befreit und dekolonisiert von der paneuropäischen, panchristlichen, weißen, rassistischen, chauvinistischen, kapitalistischen und imperialistischen Matrix der Macht.
Wir hoffen, dass Vlasta Delimars Aufruf an die Augen und den Geist der Menschen, ihre nackte Scham zu verlernen, in der gesamten Ausstellung mitschwingt.

Marko Stamenkovic/Kurator

Ich möchte an dieser Stelle meinen Dank an alle, die diese Ausstellung ermöglicht haben, ausdrücken, insbesondere: Vlasta Delimar, Michaela Stock, Marko Marković und Nikša Bradari-Slujo. Mein besonderer Dank gilt dem Marketingteam von Maistra Hotels & Resorts in Rovinj, Kroatien und dessen Direktor, Herrn David Flam, dessen großzügige Unterstützung die notwendigen Voraussetzungen für wesentliche Vorgespräche mit der Künstlerin (in Rovinj im Juni 2016) bezüglich des konzeptuellen Rahmens der Ausstellung und der Gesamtvision des Projekts geschaffen hat.

Übersetzung: Mag. Barbara Wrathall-Pohl

 

Pressetext | PUT YOUR FAITH IN WOMEN

Pressetext - Marko Stamenkovic | PUT YOUR FAITH IN WOMEN

priopćenje za tisak - Marko Stamenković | PUT YOUR FAITH IN WOMEN

Pressebild 1 | Vlasta Delimar, Untitled, 1986, Installation , s/w Fotografie auf Leinwand / Vintage, Gebetsstuhl
Pressebild 2 | Vlasta Delimar, Visual Orgasm, 1981, Fotografie / Vintage, 60 x 110 cm, Edition: 8 + AP
Pressebild 3 | Vlasta Delimar, Lady Godiva, 2001, 120 x 80 cm, Lambda C-Print, photo: Fredy Fijačko, edition: 8 + AP
Pressebild 4 | Vlasta Delimar, Ovo sam bila ja 1980 Kad je umro drug Tito. / This was I 1980 when Comrade Tito died., 1980, Fotografie / Vintage, 70 x 50 cm, edition 8 + AP

Ausstellungsportfolio


Kooperation:

lone logtip ver1-03Hotel Lone, MAISTRA - Hotels and Resorts

 

mehr Information > Vlasta Delimar

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