Schleifmühlgasse 18 - 1040 Wien
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14.1.2016
PATRICK BAUMÜLLER | RAUSCHABSTAND
15.1.- 5.3.2016
Vernissage: Donnerstag, 14. Januar um 18 Uhr
WO: Galerie Michaela Stock, Schleifmühlgasse 18, 1040 Wien

PATRICK BAUMÜLLER | RAUSCHABSTAND
Bemerkenswert, dass der Klang, dass Sound, Schall als physikalisches Ereignis zumeist mit etwas Sichtbarem verbunden ist. Fast wie ein Widerspruch dazu mag sie daher wirken, die Vorstellung von der durchdringenden Allgegenwart des Klanglichen. Es ist das Phänomen der fortwährenden Präsenz jenes Unsichtbaren, das sich als Lärm, als Geräusch, als Stimme oder vielleicht sogar als Musik manifestiert. Während sich die übrigen Sinneseindrücke nämlich ausblenden lassen, arbeitet das Ohr weiter. Es bleibt auf Empfang gestellt. Ein besonderer Modus der Wahrnehmung vielleicht, der den unentwegt tätigen kognitiven Sensoren erst dann evident wird, wenn dieses Einströmen ausgeblendet wird.

Das Verschwinden des Hörbaren kann sehr unterschiedliche Irritationen auslösen. In Experimenten mit dem lange währenden Ausschalten von Außeneindrücken kann es zur Bewusstseinserweiterung oder zu Halluzinationen führen, während am anderen Ende der Parabel der komplette Reizentzug und die dauerhaft hergestellte Isolation als Foltermethode stehen. Weit weniger dramatisch: der dritte Weg. Das Betätigen der Stopp-Taste oder des durch zwei parallele Linien markierten Zeichens für Pause. Ein Moment des Innehaltens und oft sogar der Aufmerksamkeitssteigerung im Zustand der Übersättigung.

An solchen Punkten führt Patrick Baumüller die Zeichen zusammen. Das Symbol für das temporäre Aussetzen des Abspielvorgangs – »PAUSE« – hat er eingearbeitet in ein Bildobjekt aus Schallabsorber Elementen aus Schaumstoff, die gewöhnlich zur Geräusch- und Hallreduktion im Tonstudio verwendet werden. Die signifikante Fläche aus Pyramidenschaumstoff erinnert an jenen typischen Sog im Nahbereich zur Stille, der beim betreten eines Studioraumes unmittelbar spürbar wird. Von welcher Seite auch immer man sich diesen Phänomenen also annähert, es zeigt sich bald, dass das Hörbare als akustisches Ereignis in einem Interferenzfeld mit dem Visuellen liegt. »Die gesamte Schall- und Klangpräsenz ist somit aus einem Komplex von Verweisen gemacht«, fasst Jean-Luc Nancy in einem Essay über das Gehör zusammen. Mehr als bloß das indexikalische Verweissystem einzelner Tonfolgen auf andere, bereits vorhandene meint er damit, wenn er auf ein »Zugleich« anspielt. »Es gibt das Simultane des Sichtbaren und das Zeitgenössische des Hörbaren«

Im Wechselspiel dieser beiden, einander bedingenden Bereiche entsteht ein Resonanzfeld der Bedeutungen. Dabei steigert die Präsenz des Visuellen sich oft in etwas Magisches. Historisch etwa, als neben der Rockbühne ruhende Lautsprechertürme noch wie mythische Obelisken in mattschwarz , die baldige Entsicherung von Sounds signalisierten, deren Lautstärkepegel die rigide Elterngeneration übertönen sollte. Doch bereits der Anblick, das Ansehen der Membranen einer Reihe kleiner Lautsprecher vermittelt den Eindruck unmittelbaren Erklingens.

Auch wenn der Medienwandel bedingt hat, dass Sounds mittlerweile aus dem digitalen Zwischendeck kommen und Radioempfänger, die vor kurzem noch als kleine Kultobjekte Küche oder Wohnzimmer akzentuiert haben, nun bloß noch als Designzitat existieren, bleibt der Lautsprecher weiterhin technische

Klangquelle. Patrick Baumüllers Sound Cloud, das Bildobjekt »Big Block« besteht aus einer Vielzahl über die Fläche verteilter Lautsprecher. Alle erinnern sie in ihrer nunmehrigen Second Hand Verwertung an ihre Herkunft aus einem anderen technischen Zusammenhang aus alten Radioapparaten oder ausranchierten Speaker-Systemen. Kaum konkret erkennbar, hörbar aber doch aus der Nähe, summt es hier in unterschiedlichen Qualitäten. Wie vorbeisausende Boliden auf der Rennbahn oder ein Bienenschwarm klingend aus dem Schwarm der kleinen Lautsprecher, die als Audiodisplay fungieren und auch mit anderem Tonmaterial bespielt werden können.

Dies mag die Klangkunst, oder das Feld der Sound Art berühren. Auf einer weiteren Ebene jedoch verfolgt Patrick Baumüller in seiner Arbeit die Frage nach der Möglichkeit, das im visuellen Bereich kaum Wahrnehmbare Sichtbar zu machen. So auch in einer früheren Ausstellung mit seinem Werk »VENTILATO/ FAN-GEMEINDE (2010/14)«, wo er über die Struktur von Lüftungsschächten und Ventilatoren der Dynamik von Luftströmen nachging. Baumüller schafft in seinem Œuvre Annäherungswerte in einem Echoraum der Bedeutungen, in dem Begriffe gesteigert und übertragen, von einer Ebene in die andere geklappt werden. Auch in der Serie von Zeichnungen mit Pastellkreide »TRAXX« ist dies enthalten. Über das Bild wird jeweils die Straßenformation einer Autorennbahn imaginiert; als Spielzeug oder im Original. Das einprägsame Lärmen drängt sich geradezu auf.
Linguistisch analysierend stellt Patrick Baumüller Annäherungswerte auf dem Terrain des Experimentellen her. Wie auch der Titel dieser Ausstellung mit Projektcharakter »Rauschabstand« ausdrückt, der auf die Dekonstruktion eines ursprünglichen Signals durch die nachfolgenden Störgeräusche anspielt.

Roland Schöny,
Contemporary Art Curator, 2016


Pressetext | PATRICK BAUMÜLLER | RAUSCHABSTAND
Pressebild | Patrick Baumüller, Traxxx, 2015, Pastellkreide auf Holzplatte
Patrick Baumüller

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