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12.11.2015
LUKAS TROBERG | GOOD CONNECTIONS
13.11.2015 - 9.1.2016
Vernissage: Donnerstag, 12. November 2015, ab 18h
WO: Galerie Michaela Stock, Schleifmühlgasse 18, 1040 Wien


Kaum eine Profession ist mehr von Mythen umwoben und gleichzeitig so prestigeträchtig wie die des Künstlers. Dass sich das Kunstwerk dabei seine Gesetze selbst gebe, dass der Künstler nur seinem Gewissen und seinem Genius folge, indem er ein Bild um seiner selbst willen male, dass er gleichsam den Zweck der Zwecklosigkeit verfolge, all diese Zuschreibungen, die an die Freiheit der Kunst appellieren, sind längst – so scheint es – einer anderen Praxis gewichen: Nicht das Schaffen von Kunstwerken, sondern Habitus werde in den Kunstakademien gelehrt, nicht Handwerk und Technik, sondern professionelle Selbstvermarktung übten die angehenden Künstler heute, so die Diagnose verschiedener Kulturhistoriker und Kunstkritiker. Im Zentrum des Selbstverständnisses, des Erfolgs und der künstlerischen Daseinsberechtigung stehen also: Beziehungen. Beziehungen zu Museumsleuten und Kunsthistorikern, zu Galeristen und Ausstellungsmachern, zu Pressevertretern und Sammlern, eben zu jenen Menschen, die an der Schaustellung, Vermarktung und Sinnerzeugung von Kunstwerken mitmischen und nicht zuletzt an den von ihnen zum Erfolg geführten Künstlern partizipieren. Der künstlerische Genius ist der begnadete ‚networker', dessen Werk sich erst in seinen ‚good connections' zu entfalten vermag. Dabei geht es ihm nicht nur um ökonomische Belange, sondern auch vornehmlich um Prestige.

Lukas Troberg (*1984) zeigt in der Ausstellung seine ‚connections' – unzählige Visitenkarten, die ihm in den letzten Jahren bei Vernissagen und anderen Gelegenheiten zugesteckt wurden. Einige einflussreiche Macher aus dem Herzen des Kunstbetriebs sind hier versammelt und wollen an den globalen Freundschaftsbünden der Kunstszene teilhaben lassen: Der Kurator Hans Ulrich Obrist, der Galerist Peter Kilchmann, Nana Bahlmann vom Los Angeles County Museum of Art, der Sammler Petch Osathanugrah aus Thailand oder Bärbel Vischer vom MAK Wien. Troberg düpiert indes den Betrachter, nein, weniger den Betrachter als vielmehr die kontaktfreudigen Kuratoren, Galeristen und Sammler, deren Visitenkarten zwar fein säuberlich in schlichten Rahmen gereiht das Netzwerk Kunst präsentieren, denen jedoch das Wesentliche fehlt: Die Kontaktdaten sind bis auf die Namen herausgerissen und ausgelöscht. Ist dies ein Spiel mit den systemischen Voraussetzungen der Kunst oder eine Geste der Verweigerung? Ein Kokettieren als Habitus im obigen Sinne oder entschiedene Befreiung von den Zwängen der Selbstvermarktung?

Es lohnt ein Blick auf andere Arbeiten des Künstlers, um eine Grundhaltung, ein sämtlichen Werken zugrunde liegendes Movens hervorzukehren. Die künstlerischen Wurzeln von Lukas Troberg liegen in Graffiti und Street Art, einem Bildformular, das mit seinen gewollt sub- und gegenkulturellen Zügen per se ein kritisches ist. Die Interventionen in den öffentlichen Raum wollen jenseits kommerzieller Verwertbarkeit und konsumistischer Begehren operieren. Und wenn durch den Vollzug der Selbstautorisierung potentiell alles Ausstellungsfläche sein kann, erschließen sich überdies schier grenzenlose Möglichkeiten der künstlerischen Raumaneignung. Die Balance zwischen Widerstand und Anpassung und die Erweiterung künstlerischer Gattungsbegriffe um interaktive, soziale und zeitliche Aspekte standen auch im Mittelpunkt von Trobergs Studium in der Bildhauerei-Klasse von Erwin Wurm an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. Hier wurde ihm klar, dass die Übersetzung von Graffiti und Street Art mit den ihr typischen Zeichen, Bildformen und Schriftarten in andere künstlerische Verfahren nicht ihre Perfektionierung auf Leinwand sein konnte. Künftig stand vielmehr die Auseinandersetzung mit Prozess und Abstrahierung, Form und Formbarkeit auf dem Programm.

Mit Drips (2013) entstanden stark an die Sprayerpraxis angelehnte Gebilde, die den senkrechten und waagrechten Verlauf der Sprayerfarbe skulptural nachvollziehen. Ist hier der Starre des Aluminiums zum Trotz das dripping von Farbe imaginierbar, ihr Fließen, Tröpfeln, Drieseln, so ist bei der Werkserie Buffs (2013) wohl kaum ein Bezug zur Street Art zu vermuten. Hochglanzlackierte Flächen in Gestalt der shaped canvas, der geformten Leinwand und ihrer Erweiterung des klassischen Tafelbildes um das Objekthafte, lassen eher an konstruktiv-konkrete Traditionen denken. „Buff" ist allerdings die Bezeichnung für die Reinigung von ungewollten Graffitis an Hauswänden, deren Säuberungsprozesse als „Geistergraffitis" in Erscheinung treten. Die schematischen Flächen, die an den gereinigten Hauswänden zurückbleiben, überträgt Troberg auf Spanplatten, gleichsam als Reminiszenzen seiner eigenen Sprayervergangenheit. Die Reinigung von Häuserfassaden, die mit Graffitis ordnungswidrig bestückt sind, verkehrte Troberg 2012 spitzfindig in eine Performance der Reinigung als Ordnungswidrigkeit. Höchst effizient, mit Techniken, die beim Sprühen großformatiger Graffitis angewendet werden, säuberte er in einer Blitzaktion ein parkendes Polizeiauto noch bevor der herannahende Polizist einschreiten konnte. Eignet die Sichtbarmachung der Zeichen von Fassadensäuberungen eine gewisse Hartnäckigkeit, so haben wir es mit einem höchst ironischen Akt zu tun, wenn in einem Umkehrschluss dem Ordnungshüter selbst zu mehr Sauberkeit verholfen wird. In der Überschreitung des Verbotenen wird hier ein Recht reflektiert, das nicht nur von Reclaim-the-Streets-Aktivisten offensiv eingeklagt wird: das Recht auf kreative Selbstbestimmung. Bis hin zur Grenze der Legalität strapaziert Troberg seine Aktionen. Sein Sammelsurium von aus dem öffentlichen Raum gestohlenen Objekten, die, in Kunstwerke transformiert, wieder der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden, ist nicht nur ein Plädoyer für die alternativ-kritische Teilhabe und Mitgestaltung des uns umgebenden Lebensraumes, sondern auch eine Sensibilisierung für seine ästhetische Erfahrbarkeit. Für die Kritik an einer privaten Vereinnahmung urbaner Räume hat Troberg mit seiner Performance 100 gegen 100 (2012) eine prägnante Metapher gefunden: Auf einem privaten Gelände hat er 100 Liter Erde ausgegraben, ebenso wie in einem öffentlichen Park. Die private Erde wurde anschließend in den öffentlichen Park gefüllt, wie umgekehrt die öffentliche Erde ihren Platz auf dem Privatgelände fand. Diese Praktiken des heimlichen Austauschs sind dialektisch auf verschiedenen Ebenen: Verborgenes und Evidentes, Spontanes und Konzeptuelles, Ästhetik und Ethik, Ironie und Ernst.

Good Connections stellt gleichfalls die Frage nach Intimität und Öffentlichkeit. Was sind die Modalitäten, um als Künstler ausstellen zu können, also öffentlich zu werden? Welche Kontakte braucht es für den Erfolg? Mit der öffentlichen Ausstellung der Visitenkarten hebt Troberg die Diskretion auf, die üblicherweise im Beziehungsgeflecht der Kunstschaffenden herrscht. Zur Schau und damit zur Disposition gestellt wird das, was üblicherweise im Hintergrund der Ausstellung und jenseits des Werks wirkmächtig operiert. Der Kunst die Dimension einer emanzipatorischen Kraft zu verleihen, bedeutet die Distanzierung von einengenden Reglements – dies gehört als kritischer Gestus prinzipiell zur Kunst seit der Klassischen Avantgarde. Verweigerung nimmt dabei viele Gesichter an. Sie kann sich gegen die Erwartungen des Publikums richten, gegen Konventionen, Gewohnheiten und Kanonisiertes, und sie kann auch das Kunstsystem selbst adressieren, den ‚Moloch Kunst' und die mit ihm verbundenen Zwänge, zu denen nicht zuletzt der Zwang zum ‚networking' gehört. Man könnte Good Connections vorwerfen, den Impetus des souveränen, sprich emanzipierten Umgangs mit Beziehungen und Seilschaften nur mit dem Netz der Absicherung zu entfalten, denn immerhin wird die Schau in den Räumen eines weiteren Kontaktes, einer Galerie, präsentiert. Wirft man einen Blick auf die künstlerische Widerstandsgeschichte zwischen Verweigerungskunst und Kunstverweigerung, so lässt sich jedoch vor allem ein Paradoxon hervorkehren: Eine systemkritische Kunst kann immer nur dann wirksam sein, wenn sie ihre Verweigerung produktiv innerhalb des Systems umsetzt. Sie kann sich nicht von dem Dilemma lösen, dass jegliche Verneinung, die sich gegen den Kanon stellt, geradewegs wieder in den Kanon eingereiht wird. Wenn Ironie allerdings wie in den Arbeiten Lukas Trobergs zum Aufenthaltsort wird, um die Voraussetzungen dafür zu schaffen, der Kunst ihre eigenen Gesetze zurückzugeben, um als Künstler überhaupt innerhalb des Systems arbeiten zu können, dann kann man seine ‚good connections' souverän in der Pfeife rauchen.

Dr. Judith Elisabeth Weiss/Kunsthistorikerin/Ethnologin


Lukas Troberg | Pressetext GOOD CONNECTIONS
Lukas Troberg | Pressebild 1 | Good Connections, Lukas Troberg
Lukas Troberg | Pressebild 2 | Good Connections, Andrea Jungmann
Lukas Troberg | Pressebild 3 | Good Connections, Petch Osathanugrah
Lukas Troberg

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