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12.11.2015
MARKO MARKOVIĆ | TRANSMISSION OF THE POWER
13.11.2015 - 9.1.2016
Vernissage: Donnerstag, 12. November 2015 um 18 Uhr
WO: NEXT DOORgalerie michaela stock, Schleifmühlgasse 18, 1040 Wien


 Eine performative Gegenwartsanalyse

Globale Machtdispositive und ihre Auswirkungen auf die Gegenwart zeigen sich in Europa aktuell an keinem Phänomen deutlicher als den Flüchtlingsströmen aus Syrien und dem Nahen Osten, die Österreich durchqueren, teilweise zu Asylansuchen führen, aber vorwiegend Deutschland oder Schweden als Enddestination vorsehen. Die letzten Erfahrungen dieser Art wurden in Österreich vor allem während des Krieges in Ex-Jugoslawien der 1990er Jahre spürbar. Marko Markovićs Arbeiten setzen sich mit jener von Krieg und politischer Geiselnahme ausgehenden Dislokation auf einer vielschichtigen Ebene auseinander. Der aus Osijek stammende Künstler wurde Zeuge der desaströsen Auswirkungen kriegsbedingter Gewalt und versucht in seinen Arbeiten jene Einflussnahme politischer Macht auf aktuelle Migrationswellen in performativer Weise umzusetzen. Diese Auffassungen reflektieren ausgeprägte Stufen gelebter Erfahrung, die persönliche Geschichten anhand unterschiedlicher visueller Regime betrachten und diese durch den Blick auf die Schicksale anderer oder aus der Sichtweise der Anderen reflektieren.

Marković verfolgt in seiner Arbeit der fotografischen Repräsentation unterschiedliche Ansätze, indem er eigene Fotos mit gefundenen vermischt und teilweise mit farblichen Eingriffen und schwarzem Marker entfremdet. Auf einer drei Meter langen Wandkarte werden diese 10 x 15 cm großen Fotos montiert, um aktuelle Flüchtlingsbewegungen sowie die dahinter liegenden kriegerischen Haltungen und politischen Dimensionen zu offenbaren und auf die Problemzonen in Krisengebieten der letzen Jahre und Jahrzehnte hinzuweisen. Teilweise begab sich der Künstler selbst auf die Routen der Flüchtlinge, die über die Türkei, Griechenland und schließlich Serbien, Kroatien und Slowenien nach Österreich führen, nachdem Ungarn seine Grenzen zu Serbien geschlossen hat. Die Fotos zeigen Flüchtlinge, die sich in Züge drängen oder sich am Weg befinden sowie zahlreiche Soldaten und Panzer, die Momente des Krieges einerseits und die Flüchtlingsthematik andererseits miteinander verquicken. Hauptsächlich in gelb, blau und rot werden einzelne Stellen auf den Fotos übermalt und somit performative Eingriffe den an sich aktionsgeladenen Handlungen hinzugefügt. Eine ähnliche Art der Interaktion zeigt sich auch in Sanja Iveković's Fotoarbeit Novi Zagreb (Ljudi iza prozora) / Neu-Zagreb (Menschen hinter den Fenstern) aus dem Jahr 1979, als Präsident Tito im Konvoi durch die Straßen Zagrebs zog und Teile der Wohneinheiten eines Häuserblocks, an dem er vorbeifuhr, von Iveković mit denselben drei Farben collagiert wurden. Marković setzt ein ähnliches Verfahren ein, jedoch handelt es sich bei ihm um eine Vielzahl an Fotos, die einen performativen Akt evozieren, bei dem der Künstler selbst partizipiert und sich und seinen Körper mit ins Spiel bringt.

Zwei nicht collagierte Fotografien zeigen das Begräbnis von Präsident Tito, nach dessen Tod der Zerfall Jugoslawiens zunehmend spürbarer wurde. Ebenso gezeigt werden Fotos aufgenommen von Marković's Mutter 1997 in Osijek, die fremde Leute am Vorübergehen ihres Hauses dokumentieren. Diese Fotos entstanden aufgrund der konstant bestehenden Angst hervorgerufen durch die Kriegstraumata. Auf jedem Foto wurde Datum und Zeit festgehalten sowie eine Beschreibung der Person, falls eine spätere Berichterstattung erforderlich gewesen wäre. In anderen Fotos wiederum ist der Oberkörper des Künstlers mit Blessuren zu sehen, die sich Marković während einer Performance selbst zugefügt hat. Dadurch oszillieren seine Arbeiten zwischen den Traumata, die der Künstler und seine Familie selbst erfahren mussten und denen, die nun in dislozierter Weise auftauchen und jene immer wiederkehrenden Mechanismen der Geschichte thematisieren. Diese konstanten Verschiebungen manifestieren sich auch in einer zweiteiligen Fotoarbeit, die das Brandenburger Tor 1989 nach dem Fall der Mauer mit hoffnungsvollen Leuten zeigt, die nunmehr von jeglichen Fluchtgedanken befreit waren. Ein zweites Foto aus dem Jahr 2015 zeigt jenen performativen Prozess, als der Künstler an derselben Stelle versucht, mit Menschen eine Mauer zu bilden, die jedoch vor dem gigantischen Bauwerk unbemerkt zu bleiben scheint. Die Problematik immer wieder kehrender Formen von Diaspora und den damit verbundenen Hindernissen verhandelt Marković in einer Performance, die er im Oktober 2015 in Pula durchführte und die in weiterer Folge als Videodokumentation gezeigt wird. Der Künstler ist hier beim Akt des Seilspringens zu sehen, wobei es sich jedoch um kein gewöhnliches Seil handelt, sondern um einen Stacheldraht. Dadurch ergründen seine Arbeiten Momente von Schmerz, der physisch oder psychisch auftreten kann und bei Menschen in migratorischen Übergangssituationen in jener Dualität konstant aufrecht erhalten bleibt.

Dr. Walter Seidl



Pressetext | MARKO MARKOVIĆ | TRANSMISSION OF THE POWER
Pressebild 1 | Marko Marković, World order composition, butterfly, 2015, Fotografie, Marker und Tusche, 10 x 15 cm
Pressebild 2 | Marko Marković, World order composition, brave Kurdish women, 2015, Fotografie, Marker und Tusche, 10 x 15 cm
Pressebild 3 | Marko Marković, World order composition, Palmyra, 2015, Fotografie, Marker, 10 x 15 cm
Marko Marković

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