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2.10.2014
MILIJA PAVIĆEVIĆ | EXITSTRATEGIEN DES SELBST
kuratiert von Walter Seidl
2. Oktober – 8. November 2014
Vernissage: Donnerstag, 2. Oktober 2014, ab 18h
WO: Galerie Michaela Stock, Schleifmühlgasse 18, 1040 Wien

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Eröffnungsrede: Walter Seidl, um 19 h
Anschließend wird Prinz Nikola Petrović Njegoš das Flötensolo Syrinx von Debussy spielen.

Gleichzeitig wird der Ausstellungskatalog Milija Pavićević – Exit Strategies of the Self mit einem Text von Walter Seidl präsentiert.


Walter Seidl | Exitstrategien des Selbst

Milija Pavićević gehört zu jener KünstlerInnengeneration, die in den 1970er Jahren eine konzeptuelle künstlerische Sprache entwickelten und diese im Kontext neo-avantgardistischer Tendenzen in unterschiedlicher Art und Weise fortführten. Pavićevićs wesentlichste Themenfelder betreffen die künstlerische Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst sowie eine formalistische Orientierung im Sinne der in den 1980er Jahren einsetzenden Neo-Geo-Bewegung, die auf eine modernistische Formensprache rekurriert. Die aktuelle Ausstellung setzt sich vorwiegend mit dem Selbst als vergängliches Wesen auseinander, das bar jeglicher religiöser Formationen in einem Spannungsfeld zwischen Sinnstiftung und Nihilismus oszilliert und einen Platz in einem metaphysisch unergründbaren Universum einnimmt. Die Unmöglichkeit der Entscheidung über die Existenz des Individuums eröffnet Fragen, die Pavićević künstlerisch verhandelt, indem er Leben und Tod anhand seines eigenen Abbilds reflektiert und so die Flüchtigkeit des Seins auf den Prüfstand stellt.

Die älteste Arbeit in der Ausstellung stammt aus dem Jahr 1976 und trägt den bezeichnenden Titel „Exit". Zu sehen in dieser Collage ist Pavićevićs Geburtsurkunde, über die er mit Bleistift schräg den Schriftzug Exit zeichnete. Die Typografie entspricht genau jener von amerikanischen Exitschildern, die in den USA in jedem Gebäude mehrfach zu sehen sind und orangerot leuchten. Es galt in dieser Arbeit jedoch nicht Pavićevićs Leben auszulöschen, sondern einen Neubeginn als Künstler zu starten, nachdem er mehrmals die Aufnahmeprüfung in die Kunstakademie nicht geschafft hatte. Als erster Schritt in eine neue Richtung stand ein Aufenthalt in Paris am Programm, um in den Museen der Stadt kunsthistorische Recherche zu betreiben. Thematisch markiert die Arbeit „Exit" jene Dichotomie zwischen Leben und Tod sowie die unterschiedlichsten Stufen des Seins, dessen Schicksal in die eine oder andere Richtung zu tendieren vermag. Für Pavićević bedeutete dies eine Neuorientierung innerhalb seines künstlerischen Schaffens, die eine konzeptuelle künstlerische Phase einleitete.

Eine reale Auseinandersetzung mit dem Phänomen Tod, die wiederum in einer Collage resultiert, zeigt ein Bild von El Grecos Beerdigung aus dem Jahr 1586 sowie ein Foto des Begräbnisses von Pavićevićs Großvater aus dem Jahr 1963, in dem der Künstler selbst als Kind zu sehen ist. „Selbst-Portrait 1586-1963" nivelliert durch diese Gegenüberstellung das Phänomen Trauer. Der Künstler verweist auf Erinnerungsmomente, die bei Beerdigungsritualen zu Tage treten und durch die Verbindung des Todes eines bekannten Künstlers mit einem persönlichen Familienmitglied die Frage nach dem eigenen Tod – des Künstlers Pavićević – als bildmediales Ereignis in den Raum stellt, der hier mental vorweggenommen wird aber bildlich noch nicht imaginiert werden kann.

Kunsthistorische Referenzen und Verweise bestimmen auch die 1980er Jahre in Pavićevićs Werk. Dabei zeigt sich weiterhin die Tendenz zur Gegenüberstellung unterschiedlicher Formationen von Existenz bzw. wie diese die Bewusstseinsebenen des Künstlers beeinflussen. Eine emblematische Collage aus dem Jahr 1980 ohne Titel zeigt zwei mathematische Plus Zeichen (+), die durch ein Ist Gleich Zeichen (=) verbunden sind. Diese tautologische Verallgemeinerung steht manifestartig für Pavićevićs Schaffen aus jener Zeit, in der er immer wieder die Referenzialität künstlerischer Existenz auf die eigene Persona bezieht. Eine besondere Bezugnahme lässt sich zu Vincent van Gogh finden. 1981 zeichnet Pavićević in der Arbeit „Ruke" (Hände) die Konturen seiner beiden Hände in eine Publikation über van Gogh, bei der eine Liste der Werke auf der linken Seite zu finden ist. Seine Fingernägel werden dabei in gelb angemalt, was wiederum als Referenz auf das typische Gelb von Van Gogh gesehen werden kann. Durch die Nummerierung einzelner Finger entstehen künstlerische Zuschreibungen, die durch die Abtrennung der Hände in Blutrot an Van Goghs Abtrennung des Ohrs erinnern und Fragen nach psychischen Gesundheitsmodellen stellen. Hände gelten als zentrales Körpermotiv vieler KünstlerInnen, da sie das Grundwerkzeug allen Schaffens darstellen und zur Abtastung der Umgebung dienen. Letztere führte der kroatische Künstler Tomislav Gotovac bereits 1964 in seiner Fotoarbeit „Ruke" vor Augen, in dem er die eigene urbane Umgebung abtastete – eine künstlerische Strategie, die nicht nur mehr Hände sondern vor allem die medialen Dispositive Fotografie, Film und Video übernehmen.

Van Gogh als kunsthistorische Referenz und exemplarische Künstlerfigur, die von psychischen und körperlichen Schmerzen gekennzeichnet ist, nimmt Pavićević auch in einigen Collagen mit dem Titel „Vincet" 1981 als Ausgangspunkt. Zu sehen sind einzelne Zähne, die wiederum mit Van Goghs Gelb versehen sind und in diesem Fall auf die Zahnprobleme und –schmerzen von Pavićević selbst zu jener Zeit verweisen. Schmerz als Konstante des Lebens, der es letztendlich auch auszulöschen vermag, zieht sich motivisch durch das Oeuvre des Künstlers. Auslöschung und Nihilismus als Infragestellung jeglichen Seins, aber auch als spirituelle Größe einer metaphysischen Betrachtungsebene, in der das Sichtbare nicht durch das Erfahrbare ersetzt werden kann, führten Pavićević in weiterer Folge zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Werk von Kasimir Malewitsch, das zur Bearbeitung kunsthistorisch bedeutender Vorlagen führte und in der Ausstellung mit einer Überarbeitung einer Reproduktion von Velasquez vertreten ist. Die Auseinandersetzung mit Malewitsch als einer der Begründer der Moderne in der Kunst führte vor allem in den 1980er Jahren in Ex-Jugoslawien zu einer wichtigen Fragestellung über das Wesen der Avantgarde, das international zu jener Zeit den Traditionen der Neo-Avantgarde folgte, in Ex-Jugoslawien schließlich im Kontext der Arbeit der slowenischen Künstlergruppe IRWIN sowie den TheoretikerInnen Marina Gržinić und Peter Weibel zum spezifischen Begriff der Retro-Avantgarde führte.

Das Selbst als kontinuierliches Abbild der Verwundbarkeit und Sterblichkeit lotet Pavićević auch in weiteren Arbeiten (1995, 2005) aus. Die Assemblage „Selbstporträt" aus dem Jahr 1995 zeigt das Foto des Künstlers in einem ikonenartigen schwarzen Rahmen mit einem kreisförmigen Sägeblatt in der Stirn. Die erneute Auseinandersetzung mit Tod, Freitod aber auch Unsterblichkeit als unergründbare Momente des Lebens zeigen sich hier in einer künstlerisch autodestruktiven Geste, die jedoch die Bejahung des Lebens in den Vordergrund stellt. Jenes Selbstporträt aus dem Jahr 2005 wiederum zeigt den Künstler nackt in Pose einer Odaliske mit verstecktem Penis und zugenähtem Unterleib. Diese Cross-Gender Abbildung hinterfragt schließlich nicht nur die Bestimmtheit des Seins sondern auch die dazugehörigen Ausprägungen von Geschlechterrollen und Sexualitätsmodellen bzw. das Phänomen Geburt, das wie in der Arbeit aus 1976 immer mit einem Ende bzw. unterschiedlichen Exitstrategien verbunden ist.

Milija Pavićević | Pressetext EXITSTRATEGIEN DES SELBST
Milija Pavićević | Pressebild 1 | A-portret, 1995, Mischtechnik, 40 x 30 x 20 cm
Milija Pavićević | Pressebild 2 | Exit, 1976, Bleistift auf Papier, 29,5 x 21 cm
Milija Pavićević

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