Schleifmühlgasse 18 - 1040 Wien
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16.5.2013
MICHAEL NITSCHE | IT HURTS ME SO BEAUTIFULLY
Skulptur
17. Mai - 19. Juni 2013
WO: Galerie Michaela Stock, Schleifmühlgasse 18, 1040 Wien

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Ein Höllenritt durchs Leben

No sleep til Ragnarök, so der Titel einer frühen Ausstellung in Wien, verspricht einen ungesattelten Ritt in die Hölle, ein rastloses, ausgeliefertes Fortgerissen Sein in das Inferno des Weltunterganges, wie Ragnaröck in der Edda beschrieben wird. Ein gewaltiger Kampf zwischen Göttern und riesenhaften Urwesen, der die Erde restlos vernichtet und doch am Ende aus dem Chaos eine neue Verteilung der Kräfte erahnen lässt. Es ist die Vorstellung vom Ende des Überkommenen und vom Neubeginn, von einem Bedeutungswandel, der alte Inhalte und Formen aus ihren Bindungen befreit und als neue Geschöpfe zusammenwachsen lässt. Umgemünzt auf sinnliches Denken, wie es der Kunst wesenhaft eingeschrieben ist, verwandelt Nitsche die nordische Apokalypse zum Ausgangspunkt einer neuen Bildwelt, nämlich seiner eigenen, man könnte sagen Nitsche ist der Schöpfer seines eigenen, privaten Ragnaröcks. Was hier entsteht ist also nicht die Darstellung des Endes sondern eher eines Neubeginns, Verunsicherung dominiert zunächst das Erleben dieser Kunst.

Die Irritation, die von den Figuren ausgeht, rührt von der unorganischen Anatomie her, die Nitsche aus zerlegten Stofftieren und diversen Fundmaterialien erschafft, es sind die Homunculi der Konsum und Spielzeugfauna, die ein künstlerischer Doktor Frankenstein unserer aufgeschreckten Wahrnehmung serviert. Aber nicht nur als Puzzle aus passenden und nicht passenden Teilen ist diese Figurenwelt zu begreifen, es steht sehr wohl ein - auch im klassischen Sinn bildender Wille dahinter, modellierte Teile aus Ton oder anderen Materialien gehen nahtlos in übernommene Elemente der alltäglichen Dingwelt über, eins fügt sich zum anderen in überraschend harmonischer Weise, so als müsste das alles eben solcher Gestalt sein. – Und muss es auch, da diese Wesen direkt ihrem Schöpfer unterstehen, und also nach seinem geistigen Bild entstehen.

Die Skulpturen und Zeichnungen führen hybride Tiere und Fabelwesen vor, es sind Gnome, wie aus isländischen Märchen entsprungen und exotisches Getier, das sich aus nordischen Mythen in unsere Breiten und Zeiten verirrt hat. Schon die alte Kunstgeschichte kennt solche Vorbilder, beispielsweise in den Bildern der Breughels oder von Hieronymus Bosch, auf denen in ähnlicher Manier die Dinge und Zeichen des Schreckens, der Wollust, der kultischen Handlungen und Kasteiungen zueinander gestellt und ineinander geführt werden. Auch im späten 19. Jahrhundert im Symbolismus bei Odilo Redon und in den frühen Zeichnungen von Alfred Kubin finden sich affine gestalterische Muster.

In der Österreichischen Kunstgeschichte seit 45 hat diese Position keine Entsprechung, wohl aber eine ganze Reihe von Verwandten, angefangen von Padhi Frieberger, den Materialskulpturen der frühen Wiener Aktionisten, Curt Stenverts Objekten, und natürlich liegen Gelatin, Günter Brus, und Christian Eisenberger auf dieser Linie. Im internationalen Feld gehören Mike Kelly, Björk und Mathew Barney mit zur Familie.

Das alles hat seine Berechtigung, es mag Seelenverwandtschaften geben, aber doch sind die genannten illustren Vergleiche äußerlich und gehen nicht auf den Kern. Ein Kern, quasi die Seele des Kunstwerkes ist hier nur schwer dingfest zu machen, weil gerade das Ding es ist, ausgeschieden aus dem primären Nutzungszyklus, mit dem als Rohstoff gearbeitet wird. Wenn Nitsche mit Stofftieren arbeitet, so ist dies nicht ausschließlich in formaler Hinsicht zu berücksichtigen. Stofftiere gehören in den Wahrnehmungskreis „heile Welt des Kindes, Geborgenheit, Umsorgt sein, Bedingungslose Liebe". Alles was diese behütete Sphäre stört, wie es diese zerteilten, umgebauten Kinderweltorganismen zweifellos tun, verkehrt sich in ihr Gegenteil, in die Horrorvorstellung der Schändung des kostbaren menschlichen Schatzes. Mit dieser ursprünglichen Wahrnehmungsebene spielt Nitsche mit Vorliebe, er weiß, dass seine Materialien selbst wieder Geschichten erzählen und er bringt sie als Träger von emotionalen Botenstoffen souverän zur Wirkung. Aber in diesem Stadium ist die Arbeit noch Ding, es sind Konglomerate von Dingen, die erst in der finalen Vereinigung durch das Übergießen mit Paraffin, quasi aus dem echten Leben „ex-skulpiert" werden. Erst in diesem Prozess, der das ganze momentane Werk charakterisiert, wird das Alltägliche, mit seinen alltäglichen Bedeutungen in den Status des Kunstwerkes transformiert.

Ich habe in meiner Kindheit einmal einen wilden Mantel-Degen Film im Kino gesehen - der Titel ist lange vergessen - , bei dem im finalen Gefecht in einer Bleigießerei der Schurke vom Helden so manövriert wurde, dass der vom kochenden Blei vollständig übergossen zu Tode kam. Dadurch war er zwar immer noch der nunmehr tote Schurke, aber seine Umformung in eine fratzenhafte Skulptur aus Blei bewirkte einen zutiefst beeindruckenden Wandel in mir, in dem der Böse zur sinnbildhaften Skulptur seines fatalen Seins umgebaut wurde.

Böse freilich sind Nitsches Figuren keineswegs, oder zumindest nicht vorrangig. Oft haben sie Verbindung zur magischen Welt - auch der des Kindes, aber ihre scheinbar naive Kindlichkeit überlagert nur schwach halluzinogenes Erleben und Traumwelten voller Erotik. Transformation, Mutation und Metamorphose der Bauelemente bewirken ihr unheimliches Eigenleben zwischen unterschwelliger Bedrohung und unschuldiger Anmutung.
Uns Betrachtern bleibt letztlich nur das Staunen über die enigmatische Wirkung dieser Geschöpfe, die zweifellos alle ein Rätsel in ihrem Inneren tragen. Im Bemühen um seine logische Entschlüsselung ist ein klares Ergebnis nicht zu erzielen. Es sind Früchte der Kontemplation und des Versenkens in Lebenswelten abseits der rational bestimmten Oberfläche des Alltags, bei deren Genuss die emotionale Intelligenz weiter hilft als der karge logische Verstand. (Berthold Ecker)

Michael Nitsche
Michael Nitsche | Abracadamorbida

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