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10.10.2013
IGOR EŠKINJA, ALEKSANDAR GARBIN, ANTUN MARAČIĆ, SILVO ŠARIĆ, PREDRAG TODOROVIĆ & GORAN TRBULJAK | SILENT WORK
11. Oktober – 15. November 2013
WO: Galerie Michaela Stock, NEXT DOOR & UNTERER STOCK, Schleifmühlgasse 18, 1040 Wien

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kuratiert von Sabina Salamon, Kuratorin am MMSU/Museum of Modern and Contemporary Art Rijeka und Slaven Tolj, Künstler & Direktor des MMSU.

Der Ausstellungstitel silent work nimmt weder Bezug auf jene Stille, die die Abschaffung der Kunst fordert, noch – laut Susan Sontag - auf jene den Künstlern eigene permanent silence , die als ein Akt der zögernden Kommunikation mit dem Publikum zu sehen ist, sondern auf styles in which silence may be advocated: loud and soft, was ganz im Gegensatz zur Überzeugungsrede steht (siehe auch: Sontag, Susan: The Aesthetics of Silence, Source: http://www.scribd.com/doc/14536809, S. 1, S. 10

Denn gezwungenermaßen ist die Pflicht der Kunst eine andere, sie soll nach Höherem streben, soll das soziale Bewusstsein wachrütteln und, wenn möglich, einen Wandel in der Gesellschaft bewirken; all das wird von der Politik durch Kulturpolitik und kulturelle Eliten instrumentalisiert, die die Wichtigkeit der Kunst als Teil des kulturellen Guts festlegen. Die Tatsache, dass Kunst sich nunmehr mit sozialen und politischen Themen befasst, scheint auch von der Politik begrüßt zu werden (anders als noch während der Avantgarde-Bewegungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts). Unsere Absicht liegt in der Schwächung der beiden Pole „wichtig" und „unwichtig", die eine Last für die Kunst darstellen und die Aufmerksamkeit des Betrachters überfordern.

Es besteht kein Zweifel, die Absicht, die hinter unserer Titelwahl silent work steckt, liegt nicht in der Verfechtung des Privaten, sondern in der Befürwortung einer Vielzahl von Erlebnissen, in der Befreiung der Kunst von allen Regeln, die ihr nicht eigen sind. Fast scheint eine gewisse Hegemonie in der kulturellen Rhetorik zu existieren im Hinblick auf den Terminus Öffentlichkeit in der Kunst, eine unausgesprochene Regel nur dann relevant zu sein, wenn aus dem Wunsch nach politischem Wandel heraus soziale Themen behandelt werden, wobei das Ziel, das soziale Bewusstsein unter Beweis zu stellen, immer mit Political Correctness einhergeht. Die sich daraus ergebende Nebenwirkung ist ein subtiles Übergehen jener Themen, die man für gewöhnlich als irrelevant abtut, losgelöst vom öffent-lichen Leben und von der Kunstsphäre. Im Gegensatz dazu ermöglichen es uns die hier ausgestellten Arbeiten jenseits des geschäftigen Alltagstreibens zu hören/blicken. Bis zu jenem Punkt, an dem dies alles verweigert wird, bis zur Verschmelzung mit der Idee filling up the periphery of the art-space, leaving the central area of use blank (Ibid, S. 4: Sontag mentioned Andre Breton's statement as an act of being silent).

[...] Wenngleich unterschiedlich in ihrer formalen Darstellung, so teilen sämtliche, der hier präsentierten sechs zeitgenössischen, kroatischen Künstler diese Wesensmerkmale. Hinter keiner der hier ausgestellten Arbeiten steckt die Absicht, den Betrachter von etwas zu überzeugen zu wollen, oder sich selbst, unter dem Vorwand von menschlichen Problemen, als wichtig darzustellen. Stattdessen kommunizieren die Arbeiten direkt mit den subtilen Gedankengängen unseres Unterbewusstseins.

The Perimeter Test of the Field of Vision (1970) von Goran Trbuljak (*1948 in Varaždin) bildete den Ausgangspunkt für Themen, mit denen sich der Künstler bis zum heutigen Tage auseinandersetzt. Sein Werk beschäftigt sich mit der Hierarchie wie sie vom Kunstbetrieb geschaffen wird, jenem System, das Arbeitsmethoden diktiert und Werte festlegt. Durch die Selbstreduktion auf den Künstler als Person, schwach und argwöhnisch, legt er den künstlerischen Arbeitsprozess frei. Seit seinen Anfängen in den frühen 1970er Jahren, behält Trbuljak seine misstrauende Haltung gegenüber kultureller Rhetorik bei; frei von jeder Verbitterung begegnet er diesen Konvention mit einer ermutig-enden Prise Humor, was es ihm ermöglicht, eben jene Verhaltensweisen infrage zu stellen.
Demselben Gedanken entspringt die Installation Der Standard, die im Laufe der Ausstellung in der Galerie Michaela Stock vor Ort entsteht. Die Idee des Künstlers war hier eine Veranstaltung die 2005 in Wien begonnen hat, mit dieser Arbeit fortzusetzen. 2005 war ein Artikel in der Tageszeitung Der Standard, der über eine Gruppenausstellung in der Generali Foundation-Sammlung berichtete in welcher Trbuljak vertreten war. 2013 wieder in Wien ausgestellt zu sein kann man also als ein weiteres warten auf einen Artikel sehen...

Igor Eškinja (*1975 in Rijeka) testet die Wachsamkeit seiner Betrachter und entwickelt so eine überraschend konsistente Arbeit, die durch alltägliche, banale Objekte zu kommunizieren scheint. Die ausgestellte Serie stellt eine Grafiktechnik dar, die durch UV Strahlen auf Papier erzeugt wird. Die Spontanität des natürlichen Sonnenscheins wird zum Teil vom Autor selbst kontrolliert, der die gewünschten Muster derart gestaltet, dass sie Formen von Dingen annehmen, die wir vielleicht oder vielleicht nicht schon einmal gesehen haben. Wir begegnen einem Kunstwerk, das einzig und allein dem Blick des Betrachters gewidmet ist, Wahrnehmung als ein wichtiges Thema in der visuellen Kunst. Unter dem Deckmantel von formal reduzierten visuellen Spielen unterstreicht sie doch dieselbe alte Kontroverse: Ist der Betrachter verantwortlich für die Vision oder ist es umgekehrt, erschafft sich das Kunstobjekt selbst?

Beim Betrachten von Fields, Matrixes von Predrag Todorović (*1966) werden wir uns bewusst, wie direkt empfindsam das menschliche Auge der sichtbaren Welt gegenüber ist und wie auf diese Art zugleich die Unmöglichkeit alles zu sehen unter Beweis gestellt wird. Infolge einer Vielzahl von linearen Impulsen, werden die Metallzeichnungen zu einer atmenden Oberfläche, die aus vielen herumschwirrenden Anhäufungen besteht, welche wiederum einer endlosen Zahl von Kratzern ausgesetzt sind. Hieraus entsteht schließlich ein dichtes Energiegitter, das Bewegung erzeugt und abhängig vom Winkel des Betrachters seine Richtung ändert.

Wenngleich auch er mit den Sinneswahrnehmungen der visuellen Kunst spielt, zielt Aleksandar Garbin (* 1955 in Rovinj) direkt auf eine abstraktere Ebene ab und widmet sich ganz der Schwerkraft. Seine Utensilien sind ein Globus und ein Holzstab, oder ein kleiner Pfosten und ein Brett, welche er an einander heranführt oder zusammenklebt, sodass eine räumliche Resonanz entsteht, die wiederum Auswirkungen auf die räumliche Erfahrung des Betrachters hat. Garbin betrachtet den Raum als eine vielschichtige Idee, was ihn folglich zu etwas Greifbarerem geführt hat, zur Entdeckung des Zwischenraums, oder wie er es nennt der neutralen Zone, einem Raum, in dem zwei ähnliche oder gegensätzliche Objekte aufeinander treffen, einem Korridor, in dem Dinge in Beziehung zu einander geraten, entweder inkompatibel oder verwandt sind.

Silvo Šarić (*1965 in Pula) ist einer der interessantesten kroatischen Künstler was die räumliche Wahrnehmung anbelangt. Er schafft Objekte und Installationen, die bewusst dem Raum, den er in der Galerie vorfindet, entsprechen, seine Werke sind fragile Gebilde, ähnlich nicht existierenden Objekten, eigentümliche, flüchtige Formen, die eine Assoziationskette aus dem Unterbewusstsein heraus lostreten, ebenso plötzlich wie undefinierbar. The Cooking of the Stomach zeigt uns einen reduzierten visuellen Beweis davon, um was es eigentlich geht. Das Readymade, das er gegen Magenschmerzen nach seiner mother's recipe gemäß der istrischen Tradition herstellt, geht über den physischen Galerieraum hinaus, was nicht an seiner minimalisierten Präsenz liegt, sondern eher mit seiner ungewöhnlichen, sinnlosen Erscheinung zu tun hat. Hier ist es wiederum sinnvoll auf Sontag und ihre Unterscheidung zwischen looking und staring zu verweisen, wobei Zweiteres eine Abkehr vom Gedanken befürwortet, eine Transzendenz der physischen Präsenz. [siehe Susan Sontag: Traditional art invites a look. Art that's silent engenders a stare. In silent art, there is (at least in principle) no release from attention, because there has never, in principle, been any soliciting of it. A stare is perhaps as far from history, as close to eternity, as contemporary art can get.]

Andererseits kann allein die physische Präsenz eines isolierten Objekts ebenso Stille hervorrufen. Die zehnteilige Fotoserie The Reception Desk von Antun Maračić (*1950 in Nova Gradiska) repräsentiert die Beobachtungen eines Reception Desks in der Eingangshalle eines Kinos in Dubrovnik. Obwohl das Kino im eigentlichen Stadtzentrum liegt, ist dieses Reception Desk immer nur in kurzzeitiger Verwendung, bei speziellen Veranstaltungen. Die meiste Zeit jedoch ist es in die Ecke der Halle verbannt. Dadurch, dass es zufällig von Leuten verwendet wurde, erfüllt es die Rolle es Nicht-Ortes. Somit repräsentiert The Reception Desk einen Unterschlupf zum Atemholen; es ist das Gegenstück zu einem Leben in einer Stadt, welche von der Tourismusindustrie ausgebeutet wird. So erübrigt sich die Frage ob silent work im Fluss der Zeit steckengeblieben ist oder politische Auswirkungen hat, wenn man weiß, dass der Desk auf dem Müllplatz endete. Gleichzeitig gewinnen die Aufnahmen der Stille von Maračić noch mehr an Bedeutung.
Zu einem Abschluss kommend, geben wir zu, dass die Notwendigkeit für Stille aus der Omnipräsenz der autoritären Beeinflussung entstanden ist.
(Sabina Salamon)



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