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28.5.2010
MICHAEL NITSCHE | DEMON DARLINGS
29.5. - 15.8.2010
WO: Städtische Museen Jena, Markt 7, 07743 Jena, Deutschland

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Michael Nitsches Figuren sind ohne direkte Vorbilder, jedoch haben auch andere Künstler zwischen Arnold Böcklin und Max Ernst, Sandra Munzel und Jonathan Meese ihre Werke durch Fantasien und Visionen bereichert und blieben, wie Nitsche, letztlich bei der Figur. Egal, wo die Ursprünge wuchern, Nitsches Skulpturen und Zeichnungen gehören seit einigen Jahren zu den originärsten Leistungen der deutschen Gegenwartskunst.

Im Werk Michael Nitsches tummeln sich Affen, Elefanten, Zwerge, Eisbären, Haifische und allerlei andere Wesen und Mischwesen, die nur schwer oder unmöglich einer bestimmten Gattung zugeordnet werden können. Alles ist ungewöhnlich, vieles wirkt grotesk, manches pendelt schrill zwischen Gegensätzlichkeit und Verwandtschaft und es scheint, als wenn ein Traum die Realität in immer neuen Behauptungen überbieten möchte.

Michael Nitsche folgt einem obsessiven Gestaltungsdrang, der nicht nur die Grenzen der Natur ignoriert, sondern auch die eigenen Schöpfungen mit einem subtilen und zugleich existentiellen Humor in die Welt entlässt.

Denn trotz aller sichtbaren Drolerie reiben sich Nitsches Figuren an der Wirklichkeit und die fragilen, in gegensätzlichen Materialien angelegten Körper sind leidenschaftlich ihrem Sein ergeben. Die oftmals surreale Erscheinung und das eigenwillige Tun verstärken dabei den Eindruck des empfindsam Individuellen, so dass viele der Wesen wie Sendboten aus einer anderen Welt daherkommen. Ihr Sein gleicht einem Geworfensein.
Viele Figuren Michael Nitsches sind ort- und ziellos. Sie tasten sich durch Raum und Zeit und erscheinen wie ewige Migranten, die ohne jede Erwartung im Unterwegs zu Hause sind. Leid oder Anklage sucht man jedoch vergeblich, warum auch, man ist eingerichtet, hat alles dabei und traut seinen eigenen Impulsen ohnehin mehr als dem, was man serviert bekommt. Autonomie hat hier sowohl eine bildnerische wie auch eine sozial-philosophische Komponente. Letztlich ist der Rest das, was der Wohlstand ausspuckt, das Material der künstlerischen Abbildung. Ein solcher Spagat zwischen praktischer Formgebung und ideeller Behauptung wirkt wie ein Gegenentwurf zu einer vom Überfluss bestimmten Welt. Das ist dämonisch und alltäglich zugleich. Diese Plastiken sind keine Denkmale der Stärke und Unverletzlichkeit, sie sind anders, außer der Zeit und in jedem Falle „unmomnumental".
Die Figuren bestehen aus Kunstpelzen, Plüschtieren, Tierschädeln, Geweihen, Stoffen, Gips und Metallen. All das, dieser enorme Vorrat an Wirklichkeit, wird kräftig durchmischt, mit farbigen Pigmenten aufgehübscht und in einer neuen Existenz entzündet. So erklärt sich das, was wir sehen, letztlich als Produkt unseres Seins und das Fremde, Hybride oder Dämonische ist Teil der von uns gelebten Geschichte. Manche Teile sind fest verbunden, vieles ist bandagiert und existenzielle Nöte, wie man sie vermuten könnte und in Nitsches Plastiken vielleicht hineingeheimnisst, haben vor den sorglos und offen ausgearbeiteten Gesichtern keinen Bestand.
Hier schmeichelt kein Raum der Masse, nichts ist von Dauer und das Paraffin nimmt den Körpern die Schwere und enthebt sie dem Druck der Erwartungen. Letztlich bleiben Nitsches Figuren so widersprüchlich, zerfranst und paranoid wie unsere Zeit. Sie speisen sich aus vielen Quellen: Plastisch ausgearbeitete Köpfe thronen auf akrobatischen Hilfskonstruktionen, manch einer stützt sich auf Krücken, andere reiten aufeinander und einige Figuren staunen über den eigenen Nachwuchs, der ihnen so auffällig unähnlich ist. Das fällt kaum auf und erregt niemanden, in diesem Circus maximus ist jeder ein Original und aufsteigende Irritationen beschreiben nur das Defizit an Fantasie des Betrachters.

Text: Erik Stephan, Städtische Museen Jena, Deutschland

Michael Nitsche

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